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Full text of "Das Politische System des Jungeren Pitt und die Zweite Teilung Polens"

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Das politische 
System des 
jüngeren Pitt 
und die zweite 
Teilung ... 



Felix Salomon 



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Das 



Politische System des jüngeren Pitt 



und 



die zweite Teilung Polens. 



HABILITATIONSSCHKJtEl\ ;.,::{}, : : 

DURCH WELCHE 

MIT ZUSTIMMUNG DER PHILOSOPHISCHEN FAKULTÄT 

DER 

UNIVERSITÄT LEIPZIG 

ZU SEINER 

AM FREITAG DEN 26. APRIL 1895 MITTAGS 11 UHR 

IM 
BORNERIANUM HÖRSAAL 6 

ZU HALTENDEN 

PROBEVORLESUNG 

EINLADET A 

DR. FELIX SALOMON. 

m 



Berlin 1895 

Druck von J. S. Preuss 

Leipzigersfcr. 81/32. 



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Einleitung. 

Die auf den folgenden Blättern gegebene Dar- 
stellung soll nicht in erster Reihe als Ergänzung zu 
den vorhandenen Schriften über die zweite Teilung 
Polens gelten, noch weniger aber als eine aus dem 
grossen Zusammenbange der Politik Pitts willkürlich 
herausgegriffene Episode. Mein Wunsch ist es die 
Thätigkeit des jüngeren Pitt nach allen Seiten hin zu 
behandeln, und um nun zunächst in seine Leitung der 
auswärtigen Angelegenheiten einzuführen, erschien 
mir das vorliegende Thema besonders geeignet.. 

Seit dem Erscheinen von Sybels Geschichte der 
Revolutionszeit ist die Thatsache allgemein bekannt, 
dass der Revolutionskrieg nur in Verbindung mit den 
polnischen Wirren verstanden werden kann, da es der 
Hader über die polnische Beute war, der Schritt auf 
Schritt zersetzend und verbitternd auf den Bestand 
der grossen Coalition eingewirkt hat. Diese Erkennt- 
nis ist bisher aber nur den Werken über die konti- 



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nentale Politik der Zeit zu gute gekommen, während 
die englischen Historiker immer noch vor der Frage 
Halt gemacht haben, wie sich Pitts Beziehungen zu 
Frankreich gestaltet und entwickelt haben. Nun liegt 
es aber auf der Hand, dass auch England durch die 
Verknüpfung der französischen mit der polnischen 
Frage aufs empfindlichste berührt worden ist, indem 
Pitt doch in ganz anderer Weise in den Krieg ein- 
treten und die Führung desselben hätte übernehmen 
können, wenn es sich nur um einen Kampf gegen die 
Principien der französischen Revolution gehandelt 
hätte. Also lohnt es sich wohl auch zu prüfen, welche 
Haltung Pitt den polnischen Angelegenheiten gegen- 
über eingenommen hat und ob es nicht vielleicht in 
seiner Hand gelegen hätte, diesem Verhängnisse vor- 
zubeugen. Von diesen Gesichtspunkten aus bin ich 
an die Arbeit herangetreten. 

Im Verlaufe meiner Forschungen, die von den 
engeren Beziehungen Englands zu Polen ausgingen, 
hat es sich ergeben, dass die Sicherheit Polens eine 
Zeit hindurch einen integrierenden Teil eines grossen 
von Pitt entworfenen Systems gebildet hat, das, 
wenn es zu voller Durchführung gekommen wäre, die 
Teilung Polens nie zugelassen haben würde. So 
wurde es notwendig Pitt's polnische Politik in Ver- 
bindung mit diesem Systeme zu behandeln und da- 
rum die Darstellung in einen grösseren Eahmen zu 
fassen: Von der polnischen Frage zunächst absehend, 



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habe ich, um die Entwicklung des „politischen Sy- 
stems" Pitt's als solchen zu schildern, auf die ur- 
sprünglichen Tendenzen seiner auswärtigen Politik zu- 
rückgreifen müssen. 

Der Darstellung zu Grunde gelegt sind vorzüg- 
lich die einschlägigen diplomatischen Akten des Record- 
Office und des British Museum in London, welches 
letztere den handschriftlichen Nachlass des Staats- 
sekretärs des Auswärtigen Marquis of Carmarthen und 
die Papiere Lord Aucklands bewahrt. J ) Dazu habe 
ich einige wichtige preussische Correspondenzen im 
Geheimen Staatsarchiv durchsehen dürfen. 

Meinen wärmsten Dank den Herren, welche mich 
bei diesen archivalischen Studien unterstützt haben. 

Berlin, im Oktober 1894. 



! ) Nur ein Teil dieser Papiere ist publiziert in „The 
Journal and Correspondence of William, Lord Auckland, by the 
Bishop of Bath". 18*1 — 62. Die von mir benutzten ungedruckten 
Correspondenzen fallen in die Zeit, in welcher Lord A. Gesandter 
im Haag war. 



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§ 1. 

Aus den vorhandenen Arbeiten über das Mini- 
sterium des jüngeren Pitt 1 ) gewinnt man im grossen 
und ganzen die Anschauung, als ob in den ersten 
Jahren seiner Ministerscbaft bis etwa zum Eintritt 
in die Verhandlungen, welche zum Abschluss der 
Tripelallianz von 1788 führten, von einer planmässigen 
Thätigkeit der englischen Regierung nach aussen hin 
und einem politischen Systeme überhaupt nicht ge- 
sprochen werden könne. 2 ) Pitt erscheint ganz und 
gar in Anspruch genommen, die dem Lande durch 
den amerikanischen Krieg geschlagenen Wunden zu 
heilen, und soviel man vom Continent, von kriege- 
rischen Verwicklungen und diplomatischen Aktionen 
vernimmt, so liest man in der gleichzeitigen Geschichte 
Englands nur von finanziellen und parlamentarischen 
Reformplänen. Zweifellos liegt der Schwerpunkt der 



! ) Hervorzuheben sind die Werke von Stanhope und Lecky, 
„History of'England in the 18th Century" Vol. IV— VI, London 
1885 1887, sowie die jüngst erschienene treffliche Schrift Lord 
Roseberys: Pitt (Twelve English Statesmen). London 1891. 
Zahlreiche sonstige Biographien Pitt's kommen hier nicht in Be- 
tracht, weil sie nicht auf eigenen Quellenstudien beruhen. 

2 ) So auch Rosebery; S. 99. 



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8 



Putschen Verwaltung in diesen Jahren auf dem Ge- 
biete der inneren Politik; aber die auswärtigen Ange- 
legenheiten sind darum nicht vernachlässigt worden, 
und ein Einblick in das Getriebe des Auswärtigen 
Amtes lehrt nielrt nur, wie regsam man hier war, 
sondern &U6&,' lefass auch auf diesem Gebiete von An- 
fang an- that$ä'chlich ein System ins Auge gefasst 
: Börden ist?, ' *hi Welchem die scheinbar unzusammen- 
hängenden Fäden der englischen Diplomatie zusammen- 
liefen. Und von der Kenntnis desselben hat eine 
Beurteilung der späteren politischen Kombinationen 
insofern auszugehen, als die Entwicklung sich keines- 
wegs, wie man es wohl anzunehmen pflegt, bis zum 
Eintritt in die Revolutionszeit in gerader Linie voll- 
zogen hat. Wir schöpfen die Einzelheiten aus den 
Papieren des von Pitt zur Leitung der auswärtigen 
Politik berufenen Marquis of Carmarthen, späteren 
Herzogs von Leeds, insbesondere aus seinen von 
Browning in dankenswerter Weise veröffentlichten 
politischen Denkschriften. *) 

Die Frage über welche das Pitt'sche Cabinet sich 
zunächst zu entscheiden gehabt hatte, war die, ob es, 
unter den Verhältnissen, in welchen England sich 
nach dem Frieden von Versailles (1783) befand rat- 
samer wäre, das Land in isolirter Position zu be- 
lassen, zum mindesten bis dass es hinreichende Kräfte 
gesammelt hatte, um die ihm gebührende Stellung in 
der europäischen Staatengemeinschaft einnehmen zu 



! ) Oscar Browning: The political Memoranda of Francis 
Fifth Duke of Leeds. Printed for the Camden Society. 1834. 
Dazu hat Browning einen kurzen Essay veröffentlicht: „The 
foreign policy of William Pitt u in „The flight to Varennes and 
other historical Essays". London 1893. 



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können, oder ob es nicht auch der inneren Lage zu 
gute kam, wenn man sogleich an den Ausbau eines 
Allianzsystems heranging, welches das verlorene An- 
sehen wiederschaffen und einen Rückhalt nach aussen- 
hin bieten musste. Die Meinungen hierüber sind sicht- 
lichauseinandergegangen; die Ansicht, die Carmarthen 
sowohl wie Pitt vertraten, x ) und welche durchdrang, war 
die, dass zwar aufs peinlichste Verbindungen zu ver- 
meiden wären, die in einen neuen Krieg verwickeln 
könnten, dass aber das Land nicht nur der Ruhe, 
sondern auch der Sicherheit bedürfe, und dass diese 
Sicherheit allein in einer Anlehnung an die Kontinental- 
mächte gefunden werden könnte. Eine weitere Iso- 
lirung würde die politische Würde und sogar die 
politische Existenz Englands gefährden. 2 ) 

Wurde diese Entscheidung gefällt, so hatte 
über Aufgabe und Richtung der englischen Politik 
kein Zweifel mehr sein können. Englands Niederlage 
hatte zugleich einen Triumph des bourbonischen 
Hauses und des bourbonischen Einflusses in Europa 
bedeutet, der sich überdies noch auszudehnen drohte. 
Also galt es sich diesem entgegenzustellen und die 
Errichtung eines Gegengewichts gegen dieBourbonen 
al* Inhalt eines jeden politischen Systems ins Auge 
zu fassen. Fraglich aber war wohl, in welcher Weise 
dieses Ziel in Anbetracht der zwischen den Conti- 



! ) Ich betone die Uebereinstimmung beider, wie sie aus 
den von mir zitirten Aeusserungen Pitt's durchweg hervor- 
treten wird, ausdrücklich, weil Browning S. 98 anderer An- 
sicht ist. 

2 ) Carmarthen an den Lord-Kanzler. 27. October 1784. 
Leeds Papers, Br. Mus. 28001. Vgl. dazu ein Schreiben von 
Harris an Pitt, 22. Dezember 178'-. Ibidem 28 062. 



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nentalmächten bereits bestehende i Allianzen — Frank- 
reich befand sich im Bündnis mit Oesterreich (seit 
1756), und Oesterreich mit Russland (seit 1780) — 
am besten erreicht werden könnte, und welche Mächte 
sich überhaupt bereit finden würden dem englischen 
Bunde beizutreten. Die hierüber angestellten Ueber- 
legungen bilden den wesentlichen Inhalt von Car- 
marthen's Denkschriften. Man entnimmt ihnen, dass 
der Gang der englischen Diplomatie vornehmlich 
durch zwei Gesichtspunkte bestimmt worden ist: 
einmal durch das Bestreben das österreichisch- 
französische Bündnis zu lösen und dann durch den 
Wunsch, wenn möglich die beiden Kaiserhöfe für die 
englische Allianz zu gewinnen — Carmarthen be- 
zeichnete das als seinen Lieblingsplan 1 ) — wenn 
aber nicht mit beiden, so doch jedenfalls mit Russ- 
land abzuschliessen. 2 ) 

In diesem Zusammenhange tritt zunächst die 
Haltung Englands dem Wiener Hofe gegenüber in 
das rechte Licht, und man begreift, wieso die eng- 
lischen Minister, anstatt dem unruhigen Treiben 
Kaiser Josefs entgegenzutreten, nach Wien die Ver- 
sicherung sandten, England wolle dazu beitragen, 
den Kaiser zu dem zu machen, was er sein müss«: 
zum formidablen Rivalen des Hauses Bourbon. 3 ) Als 
es also im Jahre 1784 bei dem Versuche des Kaisers 
die Scheide zu eröffnen zu Mishelligkeiten mit Holland 
kam, die zu einem Kriege zu führen drohten, waren 
die englischen Minister durchaus nicht ungehalten; 



*) Political Memoranda S. 116. 

2) ebendaselbst S. 103, 107. 

3 ) Carmarthen an Keith, 7. September 1784 bei Browning 
„The Triple alliance of 1788*' Essays S. 153. 



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sie wünschten sogar den Ausbruch von Feindselig- 
keiten, und suchten ihn zu fördern, in der Hoffnung, 
dass dieser Konflikt Oesterreich von Frankreich, 
welches in Wien Nachgiebigkeit empfahl, trennen und 
in Englands Arme führen würde. *) 

Den eigentlichen Angelpunkt der Allianzverhand- 
lungen bildeten aber die Unterhandlungen mit Russ- 
land, die Carmarthen in jeder Beziehung als grund- 
legend ansah. 2 ) War man mit Petersburg im Ein- 
vernehmen, so musste das Gewicht des Petersburger 
Hofes mehr wie alles andere dazu beitragen, die 
englischen Bestrebungen in Wien zu fördern und 
Carmarthen meinte sogar, dass eigentlich nur auf 
diesem Wege ein Erfolg bei dem Kaiser von Oesterreich 
erzielt werden könnte. Dann aber Hess sich, für den 
Fall, dass das Projekt der Tripelallianz mit den 
Kaiserhöfen scheiterte, mit Russland vereint, auch 
noch ein anderes System aufbauen. Würde nämlich 
der Kaiser an dem französischen Bündnisse festhalten 
wollen, so durfte man darnach seine Blicke nach Berlin 
wenden, während, wenn dies ohne Russlands Ein- 
verständnis geschehen würde, die Zarin Schwierig- 
keiten machen könnte, einer Allianz beizutreten, in 
welcher der Rivale ihres kaiserlichen Bundesgenossen 
Aufnahme gefunden hätte. Das russisch-preussische 
Bündnis wäre durch Aufnahme Dänemarks zu stärken; 
wie auch der Gedanke einer Tripelallianz von England, 
Russland, Dänemark mit Ausschluss Preussens ins 
Auge gefasst wurde. Denn eine Verbindung mit 

!) Carmarthen an Dorset, 7. und 12. November 1784 bei 
Barral-Montferrat ,.Dix ans de paix armee entre la France et 
l'Angleterre". Paris 1894. I. 40, 41. 

2) Für das Folgende das Memorandum „Foreign Alliance" 
endorsed Juui 11. 1784, Political Memoranda S. 106. 107. 



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Preussen war dem Staatssekret är von allen Kombinationen 
die am wenigsten sympathische: ersagteeinmalgeradezu: 
dass er nur gezwungen mit Preussen in Bündnis treten 
würde. *) Diese Entwürfe Carmarthens fanden übrigens 
das volle Einverständnis Pitts, der sich persönlich 
vorzüglich auch für die russische Allianz interessirte. 
Unter den Papieren Carmarthens findet sich ein von 
Pitts Hand geschriebener Entwurf einer nach Peters- 
burg ergangenen Depesche, in welcher dem Wunsche, 
sich mit Russland zu alliiren, Ausdruck gegeben ist, 2 ), 
dazu ein Schreiben Pitts an Carmarthen: „Ich habe 
die Genugthuung zu beobachten, dass unsere Ansichten 
in keiner Hinsicht auseinanderzugehen scheinen. 8 ) 

Der Bedeutung, welche die Minister den russischen 
Beziehungen beimassen, entsprach der Eifer, mit 
welchem die Verhandlungen betrieben wurden. Der 
im Frühjahr 1 784 nach Petersburg abgehende Gesandte 
Fitzherbert erhielt den Auftrag, sogleich die Bündnis- 
frage aufzunehmen, und er that es, indem er angab 
dass die Zeitvorhältnisse jetzt, wo allenthalben Frieden 
herrsche, besonders geeignet erschienen, um diese An- 
gelegenheit zu erledigen. 4 ) Dazu Hess man keine 

1 ) Political Memoranda S. 116. Neben Carmarthen war unter 
den Mitgliedern des Kabinets auch der Herzog von Richmond 
ein heftiger Gegner Preussens. Er sagte einmal zum öster- 
reichischen Gesandten: ,.he thought it fit for the interest of 
England that one of the two great rival po wers of Germany should 
swallow up the other and that provided that event took place, 
it would be perfectly indifferent to us, which was the survivor." 
Carmarthen an Harris 5. Februar 178G. Leeds Papers Br. 
Mus. 28 061. 

2 ) Sent to Kussia October 15. 1784. 

3) Leeds Papers ßr. Mus. 28 060. 

4 ; Bericht des russischen Gesandten bei Alartens ,.Recueil 
des Traites et Conventions conclus par la Russie avec les 



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Gelegenheit vorübergehen, den russischen Gesandten 
in London der Sympathien des Ministeriums für die 
russische Regierung zu versichern. Carmarthen sagte 
ihm, dass nicht nur er, sondern die ganze Nation den 
Abschluss mit Russland ersehne, 1 ) und Pitt bemerkte 
mit Emphase, dass Russland und England ihrer von 
der Natur gegebenen Lage nach niemals in die Not- 
wendigkeit kommen könnten, sich gegenseitig zu be- 
kämpfen: denn die Freundschaft beider Länder be- 
ruhe auf der Gemeinsamkeit ihrer Interessen. 2 ) Am 
weitesten ging Fox, der mit der auswärtigen Politik 
der Minister durchaus übereinstimmte: Er sagte zum 
Grafen Woronzow, England sei verloren, wenn es 
sich mit Russland brouillire. 8 ) 

Man ist nun gespannt, zu vernehmen, wohin diese 
Bemühungen geführt haben, und vor allem, wie 
Catharina sie aufgenommen hat. Da erfährt man, dass 
die Zarin das englische Allianzanerbieten zwar nicht 
zurückwies, aber doch auch nicht, annahm, dass sie 
vielmehr sichtlich darauf ausging, den englischen Hof 
hinzuhalten. So erhielt Fitzherbert auf seinen ersten 
Antrag den Bescheid, dass es doch besser wäre, den 
Abschluss der Allianz aufzuschieben, bis dass sich die 
Situation Europas klarer abgezeichnet hätte; und als 
er wenige Monate später auf die Frage zurückkam, 
und den rechten Augenblick für gekommen hielt, weil 



puissances 6trangeres. Publik par l'ordre du Ministere des 
affaires ^trangeres. Tome IX (X) „Trait^s avec FAngleterre". 
1710-1801, Petersburg 1892. S. 327. 

i) Martens S. 328. 

2) Martens S. 334. 

8 ) Archives du Prince Woronzow, Moskau 1876, vol. VIII. 
S. 10. 



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die Ruhe überall hergestellt wäre und insbesondere 
die Streitigkeiten mit der Pforte eine Regelung ge- 
funden hätten, wich der Vizekanzler Ostermann aber- 
mals aus. Ebensowenig ging dieser auf einen neuen 
Vorschlag ein, eine Quadrupel alüanz mit Dänemark und 
Schweden abzuschliessen, und sagte nur immer wieder, 
dass die Zeit der Behandlung der Allianzfrage noch 
nicht günstig wäre. 1 ) Nicht minder zurückhaltend als 
der russische Hof, verhielt sich der österreichische: 
das österreichisch-französische Bündnis bestand viel- 
mehr fort, und machte sich in beunruhigender Weise 
geltend. 

Gleichwohl ist das englische Ministerium in der- 
selben Richtung weitergegangen. Wenn es auch im 
Frühjahr 1785 sich zum ersten Male dem Berliner 
Hofe genähert, und zumal durch den Beitritt Hannovers 
zum Fürstenbunde in Wien und Petersburg den 
Glauben erweckt hat, dass ein System Wechsel beab- 
sichtigt sei, so war thatsächlich davon nicht die Rede. 
Wohl hat Sir James Harris, der Gesandte im Haag, 
auf dessen Ansicht die Minister sehr viel gaben, 
damals dem Ministerium die Frage vorgelegt, ob dem 
stetig wachsenden Einflüsse Frankreichs in Holland 
gegenüber, aus dem man ein französisch-holländisches 
Bündnis sich entwickeln sah, nicht ein gemeinsames 
Vorgehen Englands und Preussens geboten wäre, 2 ) 
und es erfolgte daraufhin auch eine Spezialmission 
an den grossen König in Potsdam. Aber es handelte 
sich hier doch eben nur um die holländische Frage 
allein, und Carmarthen bemerkte ganz ausdrücklich, 



i) Martens S. 327. 328. 

2) Political Memoranda S. 111 ft. 



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dass Lord Cornwallis, dem diese Mission übertragen 
war, nicht den Auftrag gehabt hätte, über eine Allianz 
zu unterhandeln, sondern nur sich über die Ansichten 
des Königs zu orientiren. 1 ) Und Englands Beitritt 
zum Fürstenbunde war mehr ein Akt persönlicher 
Politik des Königs, als eine von weiteren Gesichts- 
punkten aus gefasste Massregel der Minister, die sogar 
erkennen Hessen, dass sie mit dem Vorgehen des 
Königs nicht übereinstimmten. Pitt schien ganz be- 
sonders über die Hartnäckigkeit des Königs verstimmt, 
der absolut für Hannover habe Partei nehmen wollen, 2 ) 
und Carmarthen äusserte sich ebenfalls in Worten, 
die seinem königlichen Herrn nicht hätten zu Ohren 
kommen dürfen. 8 ) 

Alles dies bedeutete also nur eine Episode, und 
da Friedrich der Grosse gar auch seinerseits noch 
darauf hingewiesen hatte, dass erst Russland ge- 
wonnen sein müsse, bevor England und Preussen eine 
Allianz eingehen könnten — eine Tripelallianz ein- 
zugehen wäre er dann sehr bereit 4 ) — so wurde die 
russische Unterhandlung ohne weiteres wieder auf- 
genommen. Harris, den man einseitig als Anhänger 



*) Carmarthen an Harris 19. September 1785, Diaries and 
Correspondence of James Harris, First Earl of Malmesbury, 
London 1844. II. 153. 

2 ) Bericht von Simolin 8/19. August 1785. Martens S. 330. 

8 ) „His Maj. looks upon his honour too deeply engaged 
to abandon the league; it will therefore perhaps be necessary 
to prove the distinction between the interests of the Crown and 
the Bonnet. By the by it is not the first time England has 
been brolfght into a scrape by a bonnet* 4 . Carmarthen an 
Harris 8. August 1785. Leeds Papers Br. Mus. 28C60. 

4 ) Correspondence oi'Charles, first Marquis Cornwallis, edited 
by Ch. Ross, London 1859. I. 201. 



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des preussischen Bundesentwurfs bezeichnet hat, trat 
jetzt ebenfalls für die russische Allianz ein, und setzte 
in einer besonderen Denkschrift auseinander, ') wie 
man die Zarin über den Beitritt Englands zum Fürsten- 
bunde beruhigen könnte. Man solle ihr vorstellen, 
dass sie sich in grossem Irrthum befände, wenn sie 
diesen Beitritt als ein Hindernis eines russisch- eng- 
lischen Bündnisses betrachte; er spräche nicht einmal 
gegen ein Bündnis mit dem Kaiser, und beweise in 
keinem Falle, dass England entschlossen sei, sich mit 
Preussen zu verbünden. So stehe das englische 
Ministerium nicht an, dem russischen Hofe als Zeichen 
seines Vertrauens mitzuteilen, dass es nicht daran 
dächte, Verpflichtungen dem Berliner Hofe gegenüber 
einzugehen, eher als dass die Ereignisse es dazu 
zwängen, und dass, um keinen Zweifel an seiner Auf- 
richtigkeit zu lassen, das britische Cabinet bereit sei, 
sofort einen separaten Vertrag und eine Defensiv- 
Allianz mit Russland und Dänemark zu schliessen, 
unter Bedingungen, die die Kaiserin für die geeignetsten 
halten würde. Daraus sei es ersichtlich, dass England 
keine Interessen in Deutschland oder sonst wo hätte, 
die den russischen entgegenständen. Auf denselben 
Gedanken kam Harris noch einmal zurück: Man 
müsse den Höfen von Wien und Berlin gleichmässig 
schmeicheln, um beiden die Hoffnung zu machen, dass 
man sie zu Teilnehmern an einem mit Russland zu 
bildenden Systeme heranziehen wolle, seine ganze 



*) Thought on the general Situation of Europe and more 
particularly on the relative position of England and Russia. 
Beiliegend dem Briefe von Harris an Carmarthen, 12. Ok- 
tober 1785 und ganz in der Handschrift von Harris. Leeds Papers 
Br. Mus. 28060. 



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17 



Aufmerksamkeit aber darauf richten, die Zarin um 
jeden Preis zu gewinnen und mit ihr und Dänemark 
abzuschliessen. Damit würde England sein politisches 
Ansehen, das oft mehr ausmache als wirkliche Macht, 
wiedergewinnen, und andere Mächte würden die 
Freundschaft Englands suchen, anstatt dass es jetzt 
um die ihrige zu werben habe. 1 ) 

Pitt und Carmarthen äusserten sich ganz in diesem 
Sinne zum russischen Gesandten; Pitt interessierte 
sich dabei vornehmlich für die Frage eines neuen 
Handelsvertrages, da der alte, im Jahre 1766 ab- 
geschlossene, 1786 ablief, und bemerkte, wie unzu- 
frieden die ganze englische Nation sein würde, wenn 
er nicht zustande käme; man würde das Ministerium 
angreifen und ihm vorwerfen, sich mit Eussland 
brouillirt zu haben. 2 ) In Bezug auf die Wahl eines 
Zusammengehens mit Preussen oder Oesterreich, welche 
Harris erwähnt hatte, schrieb Carmarthen damals 
noch wieder, dass Oesterreich der beständige und 
natürliche Bundesgenosse Englands sein müsste, 
während er Preussen im besten Falle nur als einen 
„gelegentlichen" würde bezeichnen können. 8 ) 

Ich behaupte nun, dass wenn hiernach die 
russischen Verhandlungen in den Hintergrund traten, 
und — nach dem Thronwechsel in Berlin und infolge 
des Ausbruchs der holländischen Wirren — eine neue 
Annäherung an Preussen notwendig geworden ist, 
die dann bekanntlich zum Abschluss der Allianz von 

*) Harris an Pitt, 22. Dezember 1786, Leeds Papers Br. 
Mus. 28 062. 

2) Martens S. 335. 

3 ) Carmarthen an Harris, 24. Juli 1786. Malmesbury 
Diaries II, 211. 



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18 



1788 geführt hat, — auch jetzt das anfängliche Sy- 
stem, von den englischen Ministern nicht aus den 
Augen verloren wurde. Es ist hier nicht der Ort, das 
Zustandekommen dieser Allianz, über welche viel ge- 
schrieben worden ist, noch einmal eingehender zu er- 
örtern, wenn gleich aus clen englischen Akten manche 
Ergänzungen zu entnehmen bleiben. *) Den Ausgangs- 
punkt bildeten die inneren Streitigkeiten Hollands 
insofern, als von den beiden sich bekämpfenden 
Parteien, die eine, die der Patrioten, wie sich die An- 
hänger der in den Provinzialstaaten von Holland 
formulirten Ansprüche nannten, sich eng an Frankreich 
lehnte, so dass die Unterstützung der anderen, der des 
Erbstatthalters, englischerseits durchaus notwendig 
erschien, um den Franzosen gegenüber Hollands Selbst- 
ständigkeit zu wahren. In diesem Sinne waren An- 
träge zu gemeinsamem Vorgehen an den Berliner Hof 
ergangen, der durch den holländischen Zwist dadurch 
besonders berührt war, dass die Gemahlin des Erb- 
statthalters — die Schwester des Königs von Preussen 
— auf einer Reise nach dem Haag von den Truppen 
der Staaten festgehalten und somit in einer Weise be- 
leidigt worden war, die den preussischen Monarchen 
auf 's tiefste empört hatte. Doch war ein Einvernehmen 
zwischen England und Preussen hieraufhin noch 
nicht zu Stande gekommen, weil Friedrich Wil- 
helm II. für seine Schwester zwar sogleich Satis- 
faktion verlangt, aber dieselbe von den Intentionen 
der Engländer abweichend, von allem, was die Re- 



l ) Die kurzen Notizen, die ich hier gebe, beruhen indessen 
wesentlich auf Bailleu, Graf Hertzberg, Sybel's Historische 
Zeitschrift, Band 42, S. 450 ff. 



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19 



gierung der Republik betraf, zu trennen gewünscht 
hatte. So hatte es, ehe die Allianz eingeleitet werden 
konnte, noch erst einer anderen Entwickelung bedurft. 
Der König von Preussen hatte mit der ausdrücklichen 
Erklärung sich in die inneren Angelegenheiten Hollands 
nicht mischen zu wollen, seine Truppen in Holland 
einmarschiren lassen. Unter diesem Eindrucke war im 
Haag eine Umwälzung erfolgt, durch welche — 
ohne Zuthun Preussens — die Partei des Statthalters 
das Uebergewicht erlangt hatte. Für Preussen handelte 
es sich von hier an also nur mehr noch um Aufrecht- 
erhaltung eines bestehenden Zustandes und diesen 
gegen neue Drohungen Frankreichs zu sichern, er- 
klärte sich Preussen bereit mit England zusammen- 
zuwirken. Es wurde jetzt den englischen Vorschlägen 
entsprechend, die für die Tripelallianz grundlegende 
Uebereinkunft abgeschlossen, in der beide Mächte sich 
verpflichteten, die Unabhängigkeit und Verfassung 
der Republik nach den bisher von ihnen angenommenen 
Grundsätzen zu gewährleisten. 

In unserem Zusammenhang interessirt es uns bei 
alledem zu beobachten dass die englische Diplomatie 
im Laufe dieser Unterhandlungen, wie von Anfang 
an, die Spitze noch ausschliesslich gegen Frankreich 
richtete, und weiterhin dass sie getrachtet hat, wenn 
auch nicht mehr mit beiden Kaiserhöfen, so doch 
wenigstens mit Russland in gutem Verhältnisse zu 
bleiben. Nicht also, dass das englische Ministerium 
bereits zur orientalischen Frage Stellung genommen 
hätte, die infolge des Ausbruchs des russisch-türkischen 
Krieges wieder auf die Tagesordnung gebracht war. 
Pitt schrieb hierüber an Eden, dass dies nur dann 
geschehen würde, wenn Frankreich in die Streitig- 



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20 



keiten eingreifen wollte, 1 ) und noch bezeichnender 
war seine Aetisserung zu dem russischen Gesandten: 
Frankreich habe die Absicht sich in den Krieg ein- 
zumischen, um Erwerbungen in der Türkei zu machen, 
woraufhin er in Versailles erklärt habe, dass er dies 
nie zugeben würde. „Eroberungen, welche Russland 
machen wird, werden uns niemals beunruhigen, aber 
wir werden keine Vergrösserung Frankreichs gestatten. 2 ) 
Ganz deutlich trat dieselbe Tendenz bei den 
Schlussverhandlungen des englisch-preussischen Bünd- 
nisses hervor. Riet doch Harris, der vor anderen 
sich um dasselbe verdient gemacht hatte, ausdrücklich 
den Abschluss darum nicht zu verzögern, weil Russ- 
land eher nachher als vorher beitreten würde; 8 ) und 
fand in dem AUianztractat selbst ein Artikel Aufnahme, 
dass die nordischen Mächte zum Beitritt aufgefordert 
werden sollten. Ueberdies war der Wortlaut des 
Tractats, der zur Veröffentlichung gelangte so gefasst, 
dass jede Wendung, welche Russland misstrauisch 
machen konnte, vermieden war. Gewiss hätte das 
nicht ohne Zustimmung des preussischen Alliirten ge- 
schehen können, aber es war nicht erst nötig ge- 
wesen diesen zu überreden, indem der leitende 
preussische Staatsmann Graf Hertzberg betreffs Russ- 



!) Pitt an Eden, Oktober 1787. Journal and Correspondence 
of William Lord Auckland I, 217. 

2 ) Bericht von Woronzow, Februar 1788 bei Martens 
S. 341. 

3 ) „He (der Ratspensionär) agreed entirely with me in 
opinion, that if England, Prussia, and the Republic were 
united in one and the same System, the Court of Petersburg 
would be more likely to join us, than before such a.unionwas 
concluded". Harris an Oarmarthen, 5. Februar 1788. Malmes- 
bury Diaries II, 41 4. 



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21 



lands die englischen Gesichtspunkte von Anfang an 
geteilt hatte. 1 ) Fanden sich dann die orientalischen 
Angelegenheiten aber doch erwähnt und zwar in 
einem geheimen Artikel, so war dies dem Wunsche 
Hertzberg's zuzuschreiben, der insofern darauf bestand, 
als er in der Unterstützung seiner orientalischen Po- 
litik seitens Englands nur erst die Gegenleistung für 
seine Vertretung der englischen Interessen in Holland 
sah; aber die Engländer verpflichteten sich traktats- 
mässig doch nur dazu gemeinschaftlich mit Preussen 
den Frieden zu vermitteln. Sie gingen wesentlich 
darum darauf ein, weil Hertzberg die Besorgnis bei 
ihnen wachgerufen hatte, dass, wenn man zugäbe, 
dass Frankreich der österreichischen Regierung, — die 
als Bundesgenossin Russlands in den Krieg gegen die 
Türkei mit eingetreten war, — zu einem vorteilhaften 
Frieden mit den Türken verhelfe, der Kaiser sich den 
Franzosen zur Verfügung stellen würde, um die von 
den Franzosen in Holland erlittene Demütigung zu 
rächen. 2 ) Der leitende Gedanke für sie war also auch 
da noch die Sorge vor französischen Uebergriffen. 

Man darf also wohl sagen, wenn man von hier 
aus auf die ersten Entwürfe Carmarthen's zurück- 
blickt, dass das ursprüngliche System in den wesent- 
lichsten Punkten bis hierher eingehalten ist. Einmal 
in Bezug auf die Richtung der englischen Politik, die 
immer noch gegen Frankreich zielte, und dann in 
Bezug auf die anfangs gestellte Aufgabe derselben, 
indem zwar die Lösung der französisch-österreichischen 



i) Bailleu, S. 463 ff. 

2 ) Bericht Ewart's aus Berlin 15. März 1788. Rec. off 
Prussia Vol. 188. 



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22 



Allianz nicht gelungen und damit die Verbindung 
mit beiden Kaiserhöfen unmöglich geworden war, 
aber indem doch eine Allianz geschaffen war, durch 
welche man den Anschluss an Russland erleichtert zu 
haben meinte. 

Hier macht diese ganze Bewegung nun aber halt, 
und es treten Verhältnisse ein, welche der englischen 
Politik eine neue Aufgabe und eine neue Richtung 
zuweisen. 

Wir gelangen hiermit zu der Combination in 
welcher England, wenn auch nur zunächst vorüber- 
gehend, zu der polnischen Frage Stellung nehmen wird. 

§2. 
Zwei Momente sind es gewesen, welche diese 
Wendung herbeigeführt haben: Einmal und vor allem 
die immer stärker hervortretende innere Zerrüttung 
Frankreichs, und der bald folgende Ausbruch der 
revolutionären Unruhen, welche, so wenig man ihre 
volle Tragweite auch zuerst durchschauen mochte, zum 
mindesten erkennen Hessen, dass die Aktionsfähigkeit 
Frankreichs nach aussen hin gelähmt war. Es ergab 
sich also, dass eben der Gegner, gegen welchen die 
englischen Minister sich bis hierher ausschliesslich ge- 
rüstet hatten, von jetzt an am wenigsten gefürchtet 
zu werden brauchte, wie denn auch das österreichisch- 
französische Bündnis, um dessen Lösung wir die eng- 
lische Diplomatie sich hatten mühen sehen, in sich 
selbst zerfiel. Dann war es die Haltung der Zarin 
welche, durch den agressiven Charakter, den ihre 
Politik annahm, steigenden Widerspruch in London 
hervorrief, der, weil nun das englische Cabinet seine 
Blicke nicht mehr ängstlich nach Paris zu wenden 



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brauchte, zu einem bedeutsamen Wechsel in den Be- 
ziehungen beider Länder zu einander Anlass gab. 

Catharina wies nämlich eine von den Mächten 
der Tripelallianz angebotene Friedensmediation nicht 
nur ab, sondern unternahm im Osten und Norden 
Schritte, die den Krieg vielmehr auszudehnen drohten: 
im Norden, indem sie den dänischen Hof zum Einfall 
in Schweden aufforderte, das die Waffen gegen Russ- 
land erhoben hatte; im Osten, indem sie mit Polen 
in Verhandlungen trat und ihre Absicht erklärte, mit 
diesem Lande ein Bündnis einzugehen. Aus der 
Intervention Dänemarks war eine Niederwerfung 
Schwedens zu besorgen, die den russischen Interessen 
in der Ostsee ein gewaltiges Uebergewicht verschaffen 
musste. Ein polnisch-russisches Bündniss konnte aber 
gar zur Folge haben, dass Englands Alliirter, Preussen, 
in den orientalischen Krieg unmittelbar hineingezogen 
wurde, indem die Türken schon längst gedroht hatten, 
einen Einfall in Polen zu unternehmen, wenn die 
Republik fortführe, den Gegnern Schutz zu gewähren ; 
wurde aber Polen Schauplatz des Krieges, so näherte 
sich dieser in bedrohlichster Weise den preussischen 
Grenzen. Darauf hatte sich denn Graf Hertzberg, 
der aus der polnischen Politik der Zarin auch nach 
anderer Richtung hin einen Strich durch seine Rech- 
nung besorgte, zu sofortigem Eingreifen entschlossen, 
und die von den Russen geplante Allianz den Polen 
seinerseits vorgeschlagen. Eine Einladung in diesem 
Sinne war sogleich an den polnischen Reichstag er- 
gangen. Gleichzeitig wandte er sich aber auch an 
das englische Ministerium, um sich über die Stimmung 
in London zu vergewissern. 

Und jetzt finden wir nun die Sprache des eng- 



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24 



lischen Cabinets durchaus verändert: aus allen Kund- 
gebungen erklingt derselbe Grundton, dass man ent- 
schlossen war, den russischen Eroberungsgelüsten nicht 
minder als bisher den französischen entgegenzutreten. 
So erging nach Berlin die Versicherung, dass eine 
Vergewaltigung Schwedens nicht geduldet werden 
würde, und entsprechende Massregeln wurden ergriffen, 
um den Dänen Halt zu gebieten. 1 ) So meinte jetzt 
Pitt, dass es auch im englischen Interesse läge, eine 
zu grosse Schwächung der Türkei zu verhüten, und 
bemerkte zu dem russischen Gesandten, der der Hoff- 
nung Ausdruck gab, England werde der Türkei gegen- 
über dieselbe Haltung bewahren wie im letzten 
Kriege — man hatte damals die Russen unter der 
Hand in jeder Weise begünstigt — : die Verhältnisse 
wären völlig verändert; er werde nicht ein Haar breit 
von der striktesten Neutralität abgehen. 8 ) Und in 
diesem Zusammenhange hat er sich nun auch über 
die polnischen Angelegenheiten zum ersten Male ge- 
äussert, die dadurch noch eine besondere Bedeutung 
gewannen, dass die Polen sich mit England in direkte 
Verbindung gesetzt hatten. Nahmen diese nämlich 
das preussische Allianzanerbieten an, trotzdem sie 
beständig in der Angst lebten, dass, sobald nur Frieden 
zwischen Bussen und Türken geschlossen wäre, Preussen 
sich mit Bussland aussöhnen und in eine neue Teilung 
polnischen Gebiets eintreten würde", so war es vor- 
nehmlich in Hinblick auf die Verbindung Preussens 
mit England geschehen. 8 ) Denn ihr weiterer "Wunsch 

*) Carmarthen an Ewart 29. August, 2. September 1788. 
Rec. off Prussia vol. 139. 

2) Bericht von Woronzow 7/18. März 1788, Martens S. 339. 

8 ) Bericht des englischen Residenten in Warschau, flaues 
26. Januar 1789. Rec. off Poland vol. 129. 



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25 



war es, in die Tripelallianz aufgenommen zu werden, 
und diese Bitte trugen sie in London vor. Sie reichten 
zu diesem Zwecke eine Denkschrift ein, 1 ) in der sie 
ausführten, dass von allen europäischen Mächten 
England ohne Zweifel die wäre, deren politisches 
System, weit entfernt mit den Interessen Polens zu 
koHidiren, diesen beständig das günstigste gewesen 
wäre, und in welcher sie — sehr diplomatisch die 
wenig ruhmvolle Haltung Englands zur Zeit der ersten 
Teilung umgehend — bemerkten, dass die schwierigsten 
Krisen, in denen sich ihr Land befunden hätte, ebenso 
viel Epochen bedeuteten, in welchen Grossbritannien 
je nach den Zeitverhältnissen mehr oder minder 
wirksam für die Polen eingetreten sei. Insbesondere 
aber boten sie in Erinnerung, wie sie sagten, an 
diese von den Engländern geleisteten Dienste, und 
um ein neues Band zwischen beiden Ländern herzu- 
stellen, neue Handelsvorteile an. Auf diese Vorschläge 
ging Pitt, der Polens bis dahin nur einmal ge- 
dacht hatte, um, weil es biess, dass Stanislaus mit 
Catharina in gutem Einvernehmen sei, auch von dieser 
Seite um die russische Freundschaft zu werben, 2 ) 
allerdings nicht ohne Weiteres ein. Hailes selbst, 
der englische Gesandte in Warschau, riet sogar ab, 
indem er auf die Unbeständigkeit des polnischen 
Charakters und die Gefahren hinwies, die aus der 

2 ) Ictees relatives aux liaisons de commerce qui pourraient 
etre formees entre la Grande-Bretagne et la Pologne. Rec. off. 
Poland (Supplementband No. 128). 

i) ,.If through the mediation of the King of P. the Em- 
press could even for a time be settled tavorably to England 
the most essential advantages rnight be derived to us". Car- 
marthen an Whitworth. April 1787. Rec. off Poland Vol. 129. 



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26 



Beschirmung einer Art von neuen Kolonien ent- 
stehen könnten ; *) und mit der Handelsfrage hatte sich 
Pitt noch nicht genügend vertraut gemacht. 2 ) Aber 
dem preussischen Gesandten gegenüber sagte er doch, 
dass die preussischen Interessen in Polen auch die 
Englands seien.*) 

So schien denn ein neues System sich heran- 
zubilden, das in gleichem Masse sich gegen die Zarin 
feindselig erwies, in welchem das erste auf ihre 
Freundschaft basirt hatte. Die englischen Minister 
gingen in dieser Eichtung so weit, eine Drohnote 
nach Petersburg zu senden 4 ), wie der englische Ge- 
sandte daselbst überhaupt instruiert wurde, nicht die 
Sprache eines Schmeichlers zu fuhren, sondern die 
des Vertreters einer Macht, die fordere, und ihre 
Forderungen mit allem % Nachdruck durchzusetzen ent- 
schlossen sei. R ) 

Aber die Gedanken des leitenden preussischen 
Staatsmannes, der eigentlich den Engländern diesen 
Weg gewiesen hatte, beschränkten sich auf die bisher 



!) Bericht von Halles, 8. Februar 1789. Rec. off Poland 
.Vol. 129. 

2 ) So bezeichnete Pitt in einer von seiner Hand ge- 
schriebenen Denkschrift den Vorschlag Polen in Hinblick auf 
die Ausdehnung des englischen Handels zu kräftigen, als „too 
remote and contingent to be relied lipon* 4 . Leeds Papers Br. 
Mus. 28068. * 

3) Bänke „Die deutschen Mächte und der Fürstenbund" 
8. W. XXXI-XXXII S. 315. 

4 ) Herrmann, Geschichte Russlands (Geschiebte der euro- 
päischen Staaten, herausgeg. von Heeren-Ukert) Gotha 1865. 
VI, 255. 

5 ) ebendaselbst S. 218. 



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27 



erwähnten Gesichtspunkte nicht, sondern zielten viel- 
mehr darauf, die Friedensmediation, zu der England 
die Mitwirkung zugesagt hatte, noch in ganz anderer 
Weise auszunutzen. Er dachte daran, um seinen be- 
kannten „Tauschplan" in wenigen Worten wieder- 
zugeben, die Vermittlung in der Weise zu leiten, dass 
er für Preussen einen territorialen Gewinn erlangte, 
und zwar dadurch, dass er die Türkei zu einer Ab- 
tretung an Oesterreich, Oesterreich zu einer solchen 
an Polen veranlasste, welch letzteres damit in den 
Stand gesetzt werden sollte, an Preussen Danzig, 
Thorn, Posen und Ealisch als Lohn für die preussischen 
Bemühungen zu überlassen. Diesem ersten Entwürfe, 
der somit auf eine Niederlage der Türken spekulirte, 
wurde allerdings bald der Boden entzogen, da die 
Türken siegreich blieben. Aber der von Hertzberg 
angeregte Wunsch nach Landerwerb wurde darum 
nicht fallen gelassen, und war sein Plan fürs erste 
gescheitert, so trat in Berlin eine andere Strömung 
hervor, welche das, was dieser auf dem Wege diplo- 
matischer Verhandlungen erstrebt hatte, mit den 
Waffen in der Hand zu erlangen meinte. Die Mächte, 
welche in ihrer Selbständigkeit bedroht waren — Türken 
und Polen — sollten mit Preussen in ein kriegerisches 
Bündnis zusammengefasst werden, das sich nicht nur 
gegen Russland, sondern gegen beide Kaiserhöfe 
richten, und das polnische Tauschobjekt - Galizien — 
den Oesterreichern mit Gewalt entreissen sollte. Zu 
Statten kam es dieser Strömung, dass in Galizien 
und Belgien Aufstände ausbrachen, welche den Wiener 
Hof in die ärgste Verlegenheit brachten. Hertzberg 
war mit diesen Bestrebungen wenig einverstanden, da 
er mit den Kaiserhöfen nicht in dieser Weise zu 



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28 



brechen wünschte, aber kein geringerer unterstützte 
sie, als der König von Preussen selbst. 1 ) 

War es nun aber von den Engländern zu er- 
warten, dass sie auch auf diesen Wegen den preussischen 
Alliirten folgen würden? Man wird nicht staunen, 
dass es nicht geschah, und dass Pitt, der die Friedens- 
mediation zu der er sich verpflichtet hatte in dem 
Sinne autfasste, den Frieden möglichst schnell und 
mit möglichst geringer Veränderung des früheren 
Besitzstandes hergestellt zu sehen, einem System die 
Mitwirkung versagte, das seinen Tendenzen in jedem 
Punkte widersprach. Nicht, dass er sich seinerseits 
auf den Standpunkt eines starren Status Quo gestellt 
und seinem Alliirten eine Machterweiterung misgönnt 
hätte; er meinte im Gegenteil, dass eine Stärkung 
Preussens auf Kosten Oesterreichs an und für sich 
als ein grosser Vorteil zu betrachten wäre, aber dass 
Preussens Wünsche nicht ohne einen ausgedehnten 
und verwickelten Krieg zu erreichen wären. Der 
Berliner Hof möge sich erinnern, dass das System, 
auf dem ihre Allianz beruhe, sich immer als defen- 
sives ausgegeben habe, dass die jetzt in Frage ge- 
stellten Massnahmen ein offenes Abgehen von den 
defensiven Prinzipien bedeuteten, um einen neuen 
Stand der Dinge herbeizuführen, und um, wenn auch 
nicht Erwerbungen für England selbst zu machen, 
so doch von anderen zu nehmen, um die relative 
Macht Englands zu stärken. Auf ein solches Unter- 
nehmen könne er sich nicht einlassen, so bereit er 
andererseits sei die Allianz aufrecht zu erhalten und 
die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, wobei 



i) Bailleu, S. 490. 



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2& 



er sich auph stets auf die Mithilfe der englischen 
Nation verlassen könne. Jedes Hinausgehen über 
diese Xinie würde aber den Gefühlen fast aller Eng- 
länder so zuwider sein, dass wenn selbst die Minister 
des Königs geneigt wären es zti empfehlen, es un- 
möglich sein würde mit irgend welcher Kraft und 
Ausdauer vorwärtszugehen. 1 ) Kam Pitt hiernach auf 
den Status Quo zu sprechen, so geschah es nicht, 
um Preussen auf demselben festzuhalten, sondern nur 
um den Punkt anzugeben, wo Englands Beistand ein- 
setzen würde: Käme Preussen — hiess es in Ewarts 
Instructionen 2 ) --- bei etwaigen Bemühungen den 
Frieden auf Basis des Status Quo abzuschliessen . in 
kriegerische Verwicklungen, so würde es in diesem 
Falle auf Englands Einschreiten rechnen dürfen. 

Die preussischen Minister mussten sich mit diesen 
Erklärungen zufrieden geben; zu erregten Ausein- 
andersetzungen kam es nur über die Behandlung der 
belgischen Frage,*) aber im übrigen konnte von einem 
Auseinanderstreben der Allianzmächte keineswegs ge- 
sprochen werden : England Hess Preussen seinen Weg 
gehen, und Preussen war sich bewus^t Englands Hilfe 
nur unter gewissen Umständen erwarten zu dürfen. 
Aber allerdings war ebensowenig von einem Zusammen- 
gehen der Alliirten die Rede und von dem Wirken 
eines auf die Abmachungen der Tripelallianz sich 



') Denkschritt Pitt's, ganz von seiner Hand geschrieben, 
datirt 27. August 1789. Leeds Papers Br. Mus. 28068. 

2) Lecky V, 240, 241. 250. 

2 ) Es handelte sich hier um die Differenz, dass Preussen 
für die Unabhängigkeit Belgiens eintrat, während England da- 
gegen war. Auf diese sehr wichtigen Verhandlungen wird in 
anderem Zusammenbacke eingegangen werden. 



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30 



stützenden Systems. Man darf vielmehr sagen, dass 
die englische Politik in ein Zwischenstadium einge- 
treten war, in welchem das alte System nicht mehr 
bestand und das neue noch keine festen Umrisse ge- 
wonnen hatte. Hatte sich die Tripelallianz dennoch 
bereits ein ungemeines Ansehen in der europäischen 
Staatengemeinschaft erworben, so beruhte dies we- 
niger auf den praktischen Erfolgen, die sie seit der 
Zeit ihres Abschlusses erzielt hatte, als auf dem mo- 
ralischen Eindrucke, den sie hervorrief: das einmalige 
Eingreifen der Allianzmächte gelegentlich des schwe- 
disch-dänischen Zwischenfalls hatte allerdings dazu 
beigetragen diesen zu verstärken. 

Da ist es nun der Tod Kaiser Josefs gewesen, 
welcher damit, dass er in der österreichischen Politik 
bekanntlich einen vollkommenen Wechsel hervorrief, 
die politische Lage überhaupt von Grund aus änderte. 

Auf die überaus wichtigen Besprechungen, welche 
jetzt zwischen Wien und Berlin eingeleitet worden 
sind, darf hier nicht eingegangen werden, und auch 
die Haltung Englands inmitten der Reichenbacher 
Verhandlungen können wir nur wieder skizziren. 1 ) 
Es werden diese knappen Umrisse aber genügen, um 
die Eichtung der englischen Politik, auf die es uns 
doch ankommt, im Auge zu behalten und um den 
Weg anzugeben, auf dem wir nunmehr zu dem Kern- 
punkt unseres Themas: der Verknüpfung des politischen 
Systems Pitt's mit der polnischen Frage gelangen. 

Entscheidend für den ganzen folgenden Verlauf 

l ) Eine Darstellung der Reichenbacher Verhandlungen vom 
englischen Standpunkte aus giebt es nicht. Lecky, der hier 
Überhaupt nur in Betracht kommt, bringt nur Auszüge aus den 
wichtigsten einschlagigen Akten. 



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31 



ist es geworden, dass der neue österreichische Herrscher, 
Kaiser Leopold, bevor er sich von dem Gesandten 
einer anderen Macht sprechen Hess, in Florenz den 
Vertreter Englands Lord Hervey zu sich befahl, um 
durch ihn den englischen Hof wissen zu lassen, dass 
es in seiner Absicht läge mit den Traditionen seines 
Vorgängers auf das Entschiedenste zu brechen. Sein 
erster und sehnlichster Wunsch wäre den Frieden 
wiederherzustellen. Hierzu sehe er kein wirksameres 
Mittel als die Mediation Englands, nicht nur in Be- 
zug auf die orientalischen Angelegenheiten, sondern 
auch um eine weitere Ausdehnung des Krieges, ins- 
besondere einen Bruch mit Preussen zu vermeiden. 
Zur Erreichung dieses Zweckes wäre er bereit jedes 
Opfer zu bringen, das ihn und seine Stellung nur nicht 
entwürdige. 1 ) Das englische Ministerium antwortete 
darauf umgehend : Es entnehme diesen Versicherungen, 
dass Leopold bereit sein würde auf Grund des Status 
Quo abzuschliessen und wenn gleich es sich erat über 
die Frage der Mediation mit seinen Alliirten bereden 
müsste, so erkläre es doch ohne Weiteres seine Ge- 
neigtheit eine Vermittlung auf dieser Basis zu über- 
nehmen. 2 ) Dementsprechend ergingen von London 
aus Weisungen nach Berlin: Der Berliner Hof wurde 
von der veränderten Stimmung des neuen Herrschers 
unterrichtet, es wurde ihm auseinandergesetzt, wie 
gut die Aussichten seien, auf Grund des früheren Be- 
sitzstandes in kurzer Zeit zum Frieden zu gelangen und 
hinzugefügt, in welcher Weise England das Seinige 



l ) Hervey an Carmarthen, Florenz 28. Februar 17H0. Leeds 
Papers Br. Mus. 280C5. 

J ) Carmarthen an Keith U». März 1790. Rec. oft' Austria 
Vol. 10. 



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32 



thun wolle den Frieden zu Stande zu bringen. Ande- 
rerseits erklärten die englischen Minister aber ent- 
schiedener als je zuvor, dass ein Offensiv - Krieg 
Preussens die Unterstützung Englands nicht finden 
würde. ') Bestanden nun in Berlin, wie wir schon 
einmal erwähnten, zwei Strömungen, von denen die 
eine auf den Krieg zielte und bald das Uebergewicht 
erlangt hätte, die andere, unter Graf Hertzberg's 
Führung, den Frieden zu erhalten bestrebt war, so 
wird die erste Wirkung der englischen Politik in der 
Reichenbacher Periode darin zu sehen sein, dass die 
friedlichen Bestrebungen Hertzberg's durchdrangen 
und preussischerseits in Unterhandlungen eingetreten 
wurde. Hertzberg's Position war also von England 
aus verstärkt worden, aber es ergab sich, dass sich 
sein Standpunkt mit dem englischen doch nur soweit 
deckte, als man beiderseits den Krieg zu vermeiden 
wünschte. Hertzberg trat nämlich, weil eine Modi- 
fikation des Status Quo zugestanden war, von neuem 
mit seinem, weit über die englischen Intentionen 
hinausgehenden, Tauschplane hervor, den er mit Rück- 
sicht auf die englischen Wünsche allerdings einge- 
schränkt und preussischerseits auf die Forderung 
der Städte Danzig und Thorn verkürzt hatte; auf 
dieser Forderung bestand er aber um so fester, und 

i) Leeds an Ewart 19/30. März 1790 bei Lecky V, 255, 
256. Ueber die preussisch- englischen Beziehungen in dieser 
Periode, besonders in Bezug auf die orientalischen Angelegen- 
heiten liegt eine Schrift von Creux vor: „Pitt et Frederic 
Guillaume II. L'Angleterre et la Prusse devant la question 
d'Orient en 1790 et 1791", Paris 1886. Das Buch beruht aber 
nur auf dem von Häusser, Herrmann, Sybel u. a. viel besser 
verarbeiteten Material und trägt also auch zur englischen Ge- 
schichte der Zeit nichts neues bei. 



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33 



reizte damit die kriegerische Stimmung seines könig- 
lichen Herren stets von neuem. Es kam darüber auch 
zu neuem Hader zwischen Preussen und Oester- 
reichern, die von der Abtretung ganz Galiziens, welche 
derTauschplan wiewir wissen bedingte, nichts hören woll- 
ten. Es trat eine solche Verstimmung ein, dass der Aus- 
bruch des Krieges jeden Augenblick erwartet werden 
konnte. Ein weiteres Eingreifen des englischen Ein- 
flusses hat unter diesen Umständen darin bestanden, 
dass die Engländer, die der Diplomatie immerhin 
einen grossen Spielraum liessen, den kriegerischen 
Eifer des Königs stets von neuem mit der Versiche- 
rung dämpften für preussische Eroberungen nicht die 
Waffen ergreifen zu wollen. 1 ) Das trug wesentlich 
dazu bei den Bruch zu verhüten, und da auch der 
Wiener Hof von englischer Seite zum Nachgeben ver- 
anlasst wurde, 2 ) so gelangten die Verhandlungen 
schliesslich in eine Bahn, welche zu einem völligen 
Einverständnis zu führen schien. Es war damals die 
Zeit, wo Spielmann und Hertzberg in Beichenbach 
verhandelten, und ersterer für den Besitz türkischer 
Landstriche sich zur Zession des gewünschten gä- 
lizischen Gebiets bereit erklärte. Aber es ergab sich 
eine neue Schwierigkeit daraus, dass die Völker- 
schaften, über deren Land in dieser Weise verfügt 
wurde, nicht die geringste Bereitschaft zeigten die 
preussisch-österreichischen Abmachungen anzunehmen. 
Hierauf nun ergingen abermals Weisungen aus 
London, 8 ) welche von der Beobachtung ausgehend, 



i) Leeds an Ewart 21. Mai 1790 bei Lecky V, 262. 

2) Leeds an Keith 23. Mai 1790. Rec. off Austria Vol. 20. 

3 ) Für das Folgende, vorzüglich die Mitteilungen von 
Leeds an Ewart, 20. Juli 1790. Rec. off Prussia. Vol. 144; 

3 



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34 



dass die ganze Schwierigkeit sich eigentlich um den 
einen Punkt drehe, in welcher Weise die polnischen 
Städte für Preussen zu erlangen wären, eine Lösung 
boten, die zugleich die Tendenzen enthüllte, welche 
der englischen Friedensmediation überhaupt zu 
Grunde lagen. Man hat bisher angenommen, dass 
dieselben sich eigentlich nur auf die Erhaltung der 
Türkei und eine möglichst genaue Bewahrung des 
vorhandenen Besitzstandes im Ganzen gerichtet hätten. 
Thatsächlich blickten die Augen Pitt's aber weiter. 
Er suchte jetzt einen Ausweg für den Tauschplan 
Hertzberg's nicht nur von diesen Gesichtspunkten aus, 
sondern weil er in die Zukunft sehend überdies be- 
sorgte, dass Hertzberg's Politik allenthalben Unzu- 
friedenheit erwecken und die Gegnerschaft der Tripel- 
allianz stärken würde. Anstatt dessen war sein 
Wunsch den ffceichenbacher Vertrag in dem Sinne 
abzuschliessen, dass in eben den Mächten, welche 
Hertzberg's Plan, wie er meinte entfremdete, der 
Allianz neue Freunde zugeführt und ein grosses 
Osten und Norden 1 ) umfassendes Allianzsystem vor- 
bereitet würde, dem gegenüber keine Macht Europas 
den Frieden so leicht wieder zu stören vermöchte: 
ein System ohne sonstige Tendenz, auf die Durch- 
führung des Status Quo, aber im übrigen rein auf 
die Defensive gerichtet, an Gedanken Hertzberg's an- 
klingend, aber von Pitt unter diesen Verhältnissen 



der Gedanken, dass Danzig und Thorn als Teil eines mit Polen 
einzugehenden Handelsvertrags an Polen zediert werden könnten, 
ist zum ersten Maie in einem Schreiben von Leeds vom 
25. Juni 1790 angeregt (ebendas.). 

*) Denn auch Schweden und Dänemark sollten zum Bei- 
tritt aufgefordert werden. 



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36 



doch selbständig entworfen und als Ausbau der 
Beichenbacher Abmachungen von ihm zuerst ins Auge 
gefasst. 

Den Angelpunkt dieses Systems aber — und 
hiermit kommen wir auf die Angelegenheit von 
Danzig und Thorn — bildete die polnische Frage. 
Die Erklärung hierfür liegt auf kommerziellem Ge- 
biete und ist aus dem Wechsel der englisch-russischen 
Beziehungen heraus zu entwickeln. Hatten diese 
nämlich, wie unsere Darstellung ergab, schon im Vor- 
jahre (1789) einen von den früheren Freundschafts- 
versicherungen sehr abweichenden Ton angenommen, 
so musste das Verhältnis sich jetzt noch verschärfen, — 
es konnte sogar zu einem kriegerischen Zusammen- 
stosse kommen — , wenn die Zarin, wie es den An- 
schein hatte, den von Oesterreich verlangten Beitritt 
zum Status Quo unter den von den Alliirten gestellten 
Bedingungen ihrerseits verweigerte. Hierunter mussten 
aber die englisch - russischen Handelsbeziehungen in 
jeder Weise leiden, auf deren Umfang doch die Popu- 
larität Busslands in England beruhte, und so hing 
geradezu die Möglichkeit, das System durchzuführen, 
davon ab, ob für den eventuellen Ausfall des russischen 
Handels ein Ersatz gefunden werden könnte. Und 
diesen hatte Pitt auf Grund eingehender Nach- 
forschungen in Warschau, in dem polnischen Handel 
ausfindig gemacht. 1 ) War dieser aber bis dahin vor- 
züglich durch den ungeheuren Durchgangszoll durch 



*) Speciücation of the value ot Goods imported every year 
from abroad into the Province of Lithuania, which almost 
entirely might be supplied by Great-Britain: 

3* 



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86 



Preussen *) erschwert worden, dem ein mit Polen allein 
abgeschlossener Handelsvertrag auch nicht abhelfen 
konnte, so war Pitt's Plan, dass England, Preussen 
und Polen auf folgender Grundlage in eine engere 
Verbindung treten sollten: Als Teil eines preussischer- 
seits für die Polen besonders günstig zu gestaltenden 
Handelsvertrags hätten diese Thorn und Danzig an 
Preussen zu cediren, so dass den Polen an Geld ver- 
golten würde, was sie an Landbesitz verlören; Polen 
wie Preussen würden dann Abmachungen zu treffen 
haben, welche den englisch - polnischen Handel er- 
leichtern und fördern mussten, vorzüglich durch Ge- 
währung freier Einfuhr für die englischen Manu- 
fakturen und freier Ausfuhr der aus Polen zu be- 
ziehenden Artikel. -=— Es war damit also, im Unter- 
schiede von Hertzbergs Tauschplan, erreicht, dass man 
auf die preussische Forderung eingehen und doch den 
Status quo empfehlen konnte, dass die Türkei anstatt 



Iron (wrought) . . for the value of . 217 000 Fl. 

Lead 51000 „ 

Salt 3861000 „ 

Tobacco and Snuff 17 000 „ 

Broad^Cloath 419 000 „ 

Cotton-Stuffs 595000 „ 

Hardware, trinket« and sundry ar- 

ticles for shops 531000 „ 

Silk Goods .......... 840000,, 

Fashionable Goods 886 000 „ 

English Beer ■ . . 17000 „ 

Summa 7 444 000 Fl. 
Rec. off Poland Vol. 128. 

J ) Vgl. hierüber auch die Aktenstücke bei Damus, Die 
Stadt Danzig gegenüber der Politik Friedrichs des Grossen und 
Friedrich Wilhelms II. in „Zeitschrift des Westpreussischen 
Geschichtsvereins 14 , Heft 20. S. 200 ff Danzig 1887. 



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37 



zu Abtretungen gezwungen zu werden, den Alliirten 
verpflichtet wurde, und dass Polen eine Entschädigung 
erhielt, die es überdies in neue und enge Beziehungen 
zu der Tripelallianz bringen musste. 

Das war der oben erwähnte Vorschlag, der nach 
Berlin abging, und den Leeds nicht nur in kommerzieller, 
sondern auch in politischer Hinsicht als hochbedeutend 
für die Allianz bezeichnete : er würde Polen der Ab- 
hängigkeit von Bussland entziehen, es zu einem nütz- 
lichen Mitgliede der Allianz machen, auch die preussisch- 
englischen Beziehungen sichern, und im ganzen eine 
Verminderung des russischen Einflusses in Europa be- 
wirken. 1 ) Kommt diese Kombination zu Stande — 
heisst es in einer Instruction Ewarts 2 ) — so werden 
wir ein sehr direktes und sachliches Interesse haben, 
die Unabhängigkeit des Landes zu unterstützen und 
vor Sussland zu hüten ; und die dem englischen Handel 
gewährten Erleichterungen würden auch dazu bei- 
tragen, dem englischen Publikum die Freundschaft 
Busslands weniger wichtig und der Aufmerksamkeit 
wert erscheinen zu lassen. 

Der Schlussakt der Eeichenbacher Verhandlung 
ist in der Annahme dieser englischen Vorschläge von 
preussischer Seite zu sehen. Ewart verstand es, dem 
preussischen Monarchen persönlich die Vorteile des 
englischen Systems plausibel zu machen, indem er 
besonders auf das Ansehen und die Sicherheit, welche 
es Preussen schaffen würde, hinwies, und es ist wohl 
keine Uebertreibung des Gesandten, wenn er meinte, 
dass Friedrich Wilhelm H. sich durch seine Argu- 

1 ) Leeds an Ewart, 8. Oktober 1790. Rec. off Prussia. 
Vol. 146. 

2) Leeds an Ewart, 20. Juli 1790. Rec. off Prussia. Vol. 144. 



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38 



mentationen wesentlich bestimmen liess, das Hertz- 
berg'sche Projekt fallen zu lassen. *) Wie England es 
vorgeschlagen hatte, wurde dann thatsächlich der 
Status Quo — und weil der König von Preussen allen 
Weiterungen ein Ende zu machen wünschte - sogar 
in strikter Form als Basis des Friedenswerks prokla- 
mirt, was den Gewinn Danzigs und Thorns ja darum, 
wie gesagt, für Preussen nicht ausschloss, weil dieser 
nicht als Teil der allgemeinen Friedensverhandlungen, 
sondern als privates Geschäft mit den Polen ver- 
handelt werden sollte. Friedrich Wilhelm II. meinte, 
abweichend von den Engländern, nur die Rücksicht 
beobachten zu müssen, nicht gleich in diese An- 
gelegenheit einzutreten, damit die Oesterreicher nicht 
doch Anstoss nehmen und mit dem Verlangen eines 
Equivalents hervortreten könnten. 2 ) 

So bilden diese Abmachungen also, in dem grossen 
Zusammenhange der englischen Politik betrachtet, 
nicht, wie man es gewöhnlich hinstellt, einen Ab- 
schluss, sondern nur die Weiterentwicklung eines 



1 ) Ewart an Auckland; Auckland Papers Br. Mus. 33435; 
den Einfluss Ewart's auf den König bezeugt auch ein Schreiben 
des Herzogs von Weimar bei Ranke S.W. XXXI/II, S. 437, 
Anm. 1; auch Hertzberg schrieb die Sinnesänderung des Königs 
in einer Unterredung mit den österreichischen Abgesandten haupt- 
sächlich dem englischen Gesandten zu: Vivenot, Quellen zur 
Geschichte der deutschen Kaiserpolitik Oesterreichs. Wien 1873 
I, 502. 

2) Ewart's Bericht, 5. August 1790. Rec off Prussia. 
Vol. 144. Wie gut die Absichten der Engländer verborgen 
blieben, ergiebt ein Bericht Spielmann's an Kaunitz, Reichen- 
bach, 16. Juli 1790: „England wendet, alles mögliche an, um 
den Status quo durchzusetzen und die Preussen von der Acqui- 
situm von Danzig und Thorn abzubringend Vivenot, S. 508. 



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39 



Systems, zu dem der Schlussstein noch fehlte. 1 ) Mit 
dem Schicksal dieses Systems waren .aber, wie wir 
jetzt nachgewiesen haben, die polnischen Interessen 
aufs engste verknüpft, und so ergiebt es sich, wieso 
von nun an von dem Gelingen desselben zugleich 
die Zukunft der polnischen Frage durchaus abhängen 
musste. 

§3. 

Bezeichneten wir die polnische Frage als den 
Angelpunkt der Pitt'schen Politik, so ist es von In- 
teresse, die weitere Thätigkeit der englischen Minister 
zunächst in Polen zu verfolgen. 

Von dem englischen Gesandten in Warschau hatten 
wir vernommen, das er das im Herbst 1788 nach 
London ergangene Allianzanerbieten Polens nicht nur 
nicht gefördert, sondern sogar vor dem Eingehen auf 
dasselbe gewarnt hatte. Inzwischen aber hatte auch 
dieser seine Meinung geändert. Nach reiflicher Prüfung 
der europäischen Lage war er zu der Einsicht ge- 
kommen, dass die englische Politik in Polen zwei 
Interessen zu verfolgen hätte: Einmal die Republik 
unangreifbar, und dann sie den Engländern nützlich 
zu machen. Letzteres sollte durch Regelung der 



*) Ich meine, dass hiernach auch die preussische Politik 
anders, und zwar günstiger, wird beurtheilt werden können. 
Vor allem fällt der Hauptvorwurf, den Max Duncker macht, 
(Friedrich Wilhelm II. und Graf Hertzberg, Sybels Historische 
Zeitschrift, XXX. VII, 41), dass man sich nicht Russland gegen- 
über genügend gesichert habe, hinweg. — Und wie wenig be- 
rechtigt erscheint die so oft geäusserte Behauptung, dass die 
Gunst der Lage von jetzt an für Preussen unwiederbringlich 
dahin gewesen wäre. 



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40 



Handelsbeziehungen erreicht werden, aber da diese, 
wie er ausführte, auf der Stabilität der Regierung be- 
ruhten, und diese Festigkeit nicht bestehen könnte, 
bevor Polen vor der Gefahr erneuerter Invasionen und 
weiterer Teilungen gesichert sei, so empfahl er in 
dringlicher Weise die Aufnahme dieses Landes in das 
grosse Allianzsystem. *) Auf diesen Vorschlag war er 
mehr als einmal zurückgekommen, und man wird 
sagen dürfen, dass seine Berichte, nach dem wie die 
Entscheidung, die wir kennen, in London ausfiel, auf 
die Entschlüsse des Ministeriums einen wesentlichen 
Einfiuss ausgeübt haben. Nimmt man aber an, dass 
die englisch-polnischen Verhandlungen, der Bedeutung 
entsprechend, die sie für die Existenz Polens hatten, 
sich in gerader Linie vorwärts bewegt hätten, so wird 
man enttäuscht. 2 ) Die Reichenbacher Abmachungen 
übten zunächst vielmehr die von Pitt unvorhergesehene 
Wirkung aus, dass sie das Vertrauen der Polen in die 
englische Regierung zerstörten, und zu der Klage 
Anlass gaben, das englische Cabinet habe die Ver- 
einigung Galiziens mit der Republik zu Polens Schaden 
hintertrieben. Hailes trat dieser Auffassung allerdings 
nach Möglichkeit entgegen und verfasste eine Denk- 



*) Berichte von Hailes, Mai- Juni 1790. Rec. off Poland. 
Vol. 130. 

a ) Wie Pitt's Plan nach Warschau übermittelt und dort 
aufgenommen wurde, ergiebt ein Schreiben des Königs von 
Polen an seinen Gesandten in London Bukati , Warschau, 
11. August 1790 bei Kaiinka, Pamietniki z Osmnastego wieku. 
Tom X, 2. Dokumenta do historyi drugiego i trzeciego pod- 
zialu. Posen 1868, S. 154. Eine wertvolle Ergänzung zu den 
nicht vieles bringenden Korrespondenzen von Stanislaus August 
würden die Berichte Bukati's aus London bilden. Leider hat 
Kaiinka zu melden, dass dieselben nicht aufzufinden seien. 



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41 



schrift, in der er ausfahrte, wie das englische Projekt 
die Polen in anderer Weise entschädigte; aber dieses 
Memoire hatte das unglückliche Resultat, die Situation 
nur noch zu verschlimmern. Der preussische Gesandte 
Lucchesini, dem es vorgelegt wurde, riet ab, es zu 
veröffentlichen', weil seine Regierung das Danziger 
Projekt zunächst vertagt zu sehen wünschte, der 
rassische Vertreter benutzte diese Gelegenheit, um 
Gerüchte zu verbreiten, dass Verhandlungen im Gange 
seien, för Preussen auch noch Teile Grosspolens zu 
schaffen. So geschah es, dass der polnische Reichstag, 
weder den Preussen noch den Engländern trauend, 
im geraden Gegensatze zu den englischen Bestrebungen 
ein Gesetz dekretirte, nach welchem jeder Austausch 
oder jede Zerstückelung des Landes als Hochverrat 
bezeichnet wurde. 1 ) 

Diese Angelegeheit fand hiermit einen vorläufigen 
Abschluss; sie trat aber von dem Augenblicke an in 
ein anderes Stadium, in welchem die Polen ver- 
spürten, dass England sich im Anschluss an die 
Reichenbacher Abmachungen ernstlich gegen Russ- 
land zu rüsten begann. 

Es ergab sich nämlich — um auf die Ereignisse 
der grossen Politik zurückzukommen — jetzt immer 
deutlicher, dass die Möglichkeit das Pitt'sche System 
durchzuführen mit der Notwendigkeit zusammenfiel, 
die russische Macht dem Willen der Allianzmächte 
zu unterwerfen. Die Zarin hatte die Reichenbacher 
Tage vorübergehen lassen, ohne dem Status-Quo bei- 
zutreten und blieb auf diesem Standpunkte bestehen. 



J ) Berichte von Hailes, August-September 1790. Rec. off 
Poland. Vol. 130. 



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42 



Sie hatte ihre Forderungen allerdings auf das Ver- 
langen von Oczakow und dem benachbarten Distrikt 
eingeschränkt, aber daran hielt sie um so fester und 
erklärte gerade heraus nichts weiter ablassen zu 
wollen. Nicht nun, dass Pitt nicht noch vieles ver- 
sucht hätte Catharina zu Concessionen zu bewegen, 
um den Krieg zu vermeiden, aber er liess bald er- 
kennen, dass, falls sie sich nicht fügen sollte er im 
Prinzip nicht umhin können würde sie zum Nach- 
geben zu zwingen. Und darin liegt die eigentliche 
von der Geschichtsschreibung nicht vermerkte Be- 
deutung der hier einsetzenden Unterhandlungen über 
die Zession dieser Stadt. Oczakow war ein befestigter 
Hafenplatz an der Dnejstr.-Mündung und gewiss an 
und für sich nach übereinstimmenden Aussagen 
preussischer und englischer Autoritäten ein Ort von 
hervorragender militärischer, politischer und kommer- 
zieller Bedeutung. Man hörte ihn geradezu als den 
Schlüssel Constantinopel's bezeichnen. Gebt ihr den 
Bussen den Schlüssel, hiess es also in London, so 
werden sie, auch wenn ihr das Thor nachher schliesst, 
im Stande sein, es zu öffnen. 1 ) Aber wie würde es 
sich erklären lassen, dass Pitt, der doch immer die 
Wahrung des Friedens im Auge hatte, eines für ihn 
gleichwohl im Verhältnis geringen Gegenstandes 
wegen zum Kriege hätte schreiten wollen, wenn es 
sich nicht über diese eine Stadt hinaus um ein ganzes 
System gehandelt hätte, durch welches man den 
Frieden eben für die Zukunft zu sichern meinte und 
dessentwegen von einem einmal festgesetzten Prinzip 

J ) Burges an Auckland, Auckland Papers. Br. Mus. 33436. 
Pitt bezeichnete Oczakow als den Schlüssel Constantinopels. 
Bericht von Woronzow bei Martens. S. 347. 



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43 



nicht abgegangen werden durfte. Denn wohin würde 
es kommen, argumentirten die Anhänger der Put- 
schen Politik, wenn man der Zarin ihren Willen 
Hesse: sie würde allenthalben, teils durch Bestechung, 
teils durch Einschüchterung ihren Einfluss wieder- 
gewinnen, sowohl in Polen, wie in der Ostsee, 
wie in Constantinopel, während das Ansehen der 
Alliirten in entsprechendem Masse sinken würde. 
Sie würde auch neue Allianzen eingehen, ins- 
besondere mit Oesterreich, und warum sollte dann 
nicht der Kaiser mit neuen Forderungen hervortreten? 1 ) 
Und Ewart, der Gesandte in Berlin, betonte ganz be- 
sonders, welch bedenkliche Wirkung ein Zurückziehen 
von englischer Seite auf den preussischen Hof aus- 
üben würde. Der preussische König, der sich bis 
dahin durch ein festes Vertrauen auf England hätte 
leiten lassen, würde dies Vertrauen, aber auch das in 
sich selbst, völlig verlieren , er würde schüchtern und 
unbeständig werden und bereit sein, auf jedes Projekt, 
das Landerwerb verspreche, einzugehen. 2 ) Bestände 
doch bereits eine Partei in Berlin, welche ein Ueber- 
einkommen mit Russland auf Kosten der Türkei und 
Polens dem Zusammengehen mit England vorzöge. 8 ) 
Gäbe man also nach, so meinte er, dass es zum Zerfall 
der preussischen Allianz kommen würde, und so schloss 
er mit der Warnung: das ganze System stehe auf dem 
Spiel. 4 ) 

*) Ewart an Auckland, 12. Februar 1791. Auckland Papers 
Ir. Mus. 33435. 

*) ebendaselbst. 

8 ) Ewart an Leeds, 18. December 1790. Leeds Papers. Br. 
Mus. 28 065. 

4 ) Ewart an Auckland, 12, Februar 1791, Auckland 
Papers. Br. Mus. 33435. 



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u 



Hatte es dessen ungeachtet nach Abschluss der 
Reichenbacher Verhandlungen, anfangs den Anschein, 
als Hesse das englische Cabinet sich nur eigentlich 
vorwärts drängen, wie in Berlin thatsächlich schon 
der Verdacht geschöpft wurde, dass auf englischen 
Beistand im Falle eines russischen Krieges nicht zu 
rechnen wäre, 1 ) so war Pitt's Zögern einmal daraus 
zu erklären, dass er, bevor es zum offenen Bruche 
kam, noch erst sein Allianzsystem, so weit es anging, 
in dem bereits genannten Sinne zu jener grossen 
Coalition auszubauen hoffte. Und dazu liess ein aus 
den inneren englischen Verhältnissen heraus zu ent- 
nehmendes Motiv eine Verzögerung wünschenswert 
erscheinen: Pitt besorgte den Lärm, den die parla- 
mentarische Opposition anstimmen würde, und um 
diesen zu vermeiden, wollte er jede Entscheidung bis 
das Parlament in die Osterferien ging, aufschieben. 
Es waren das die Ueberlegungen, welche einen in den 
ersten Januartagen 1791 in Whitehall zusammen- 
getretenen Cabinetsrat beschäftigten. Ewart, der auf 
Urlaub in England weilte, war zu den Beratungen 
hinzugezogen worden; man beauftragte ihn, dem König 
von Preussen in tiefstem Vertrauen über diese Ver- 
hältnisse zu orientieren, und dem Monarchen dazu in 
Pitt's Namen als Trost zu sagen, dass der Premier 
kein Gegenbündnis anderer Mächte voraussähe, welches 
eine Ueberwältigung Russlands im Frühjahr uumöglich 
machen könnte. 2 ) 

Von hier an ging die englische Diplomatie mit 
vollster Regsamkeit an die Arbeit, um den Krieg vor- 



*) Ewarts Berichte aus Berlin. Rec. off Prussia. 
2 ) Ewart an Auckland, London, 5. Januar 1791. Auckland 
Papers. Br. Mus. 33435. 



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45 



zubereiten. 1 ) Die Missionen in Kopenhagen und in 
Stockholm wurden beauftragt, wenn nicht die Allianz, 
dann doch die Neutralität dieser Höfe zu verschaffen, 
wobei betont wurde, dass man auf die Aufnahme 
Dänemarks in das englische System einen besonderen 
Wert legen würde. In gleichem Sinne wurde mit der 
österreichischen Regierung in Unterhandlung getreten, 
deren Haltung unzuverlässig erschien, und der im 
November mit einer Spezialmission nach Wien abge- 
gangene junge Lord Elgin erhielt die Ordre den 
Kaiser für eine nachdrückliche Verwendung bei der 
Kaiserin behufs Herstellung des Friedens zwischen 
Russland und der Pforte auf Grund des Status-Quo 
zu gewinnen und zu erklären, dass der König und 
seine Alliirten ihre Bemühungen im Interesse des 
Friedens fortsetzen würden; dass man aber gleich- 
zeitig tfär notwendig erachte, sich auf den Fall vor- 
zubereiten, dass die gemachten Vorstellungen erfolg- 
los bleiben sollten. 2 ) Man setzte sich sogar mit dem 
spanischen Hofe in Verbindung, der nachdem der 
Zwischenfall von . Nootkasund erledigt und der Fa- 
milientraktat gelöst war, eine Schwenkung begonnen 
hatte und sich den Intentionen der Tripelallianz in 
der russischen Frage zu nähern schien. In diesem 
Zusammenhange sind jetzt auch die Verhandlungen 
mit Polen weitergeführt worden, die doch, wie wir 
wissen, vor anderem zum Abschluss gebracht werden 
mussten. Sine, nachdem, was vorgegangen war, er- 



*) Die folgenden Angaben nach dem Schreiben von Leeds 
an Ewart, 8. Januar 1791, in welchem er das Programm des 
englischen Ministeriums entwickelt. Rec. off Prussia Vol. 146. 

2 ) Leeds an Elgin, 8. Januar 1791. Rec. off Austria. 
Vol. 23. 



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46 



wünschte Anknüpfung bot hier die Ankunft des piol^ 
irischen Gesandten im Haag, Graten Oginski, in der 
englischen Hauptstadt, weil sie auch dem Wunsche 
der Polen Ausdruck gab, den abgebrochenen Faden 
wiederum aufzunehmen. Pitt conferirte persönlich 
mit dem Grafen und setzte ihm seine Anschauungs- 
weise, die er zugleich die seiner Regierung nannte, in 
längerem auch uns vortrefflich orientirenden Vortrage 
auseinander. 1 ) Er führte aus, wie gering das Opfer, 
das die Polen zu bringen hätten, im Vergleiche zu 
den Vorteilen wäre, die man ihnen böte und dass 
sie darum die ihnen dargebotene Hand nicht zurück- 
weisen sollten. Indem man ihnen Danzig und Thorn 
nähme, gäbe man ihnen doch andererseits das Mittel 
sich dem schmachvollen Joche Russlands zu entziehen. 
Was der König von Preussen verlange, könne nicht 
einmal als ein Opfer bezeichnet werden, indem er 
seinerseits auf die bedeutenden Zolleinnahmen ver- 
zichte. Wäre es möglich, dass sie es für nichts er- 
achten sollten, um solchen Preis den Handelstraktat 
mit England und Holland zu gewinnen? „Sie sagen, 
fuhr er fort, dass mit dem Verluste Danzigs sie sich 
allen Zollplackereien werden unterwerfen und alle 
Zölle zahlen müssen, die man ihnen abfordern wird; 
aber Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie gegenwärtig 
viel mehr zahlen, als Sie nach dem neuen Handels- 
tractat, den man Ihnen anbietet, werden zahlen 
müssen. Was die Chikanen betrifft, so könnten Ihre 
Befürchtungen einigen Grund haben, wenn Sie es nicht 
mit einem Bundesgenossen und Freunde zu thun und 
wenn Sie nicht die Garantie Englands und Hollands 

*) Mömoires de Michel Oginski „Sur la Pologne et les 
Polonais". Paris 1826. I, 94—100. 



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47 



hätten. Sie wissen es besser als ich, welche Handels- 
beziehungen zwischen England und Holland mit 
Polen einst statthatten. Sie hatten einen kleinen See- 
hafen an der Ostsee in der Nähe eines Flusses namens 
Swienta, wenn ich mich nicht irre; dieser Hafen ist 
versandet und Sie werden ihn nicht zu sehr entbehren. 
Aber Sie haben viele Städte im innern des Landes, 
wo englische und holländische Kaufleute mächtige 
Etablissements hatten und wo Sie Ihr Korn auf- 
stapelten, das man Ihnen an Ort und Stelle abkaufte, 
Ihnen die Mühe ersparend es zu den baltischen Hafen- 
plätzen zu schaffen. Ich habe heute morgen mir die 
Lage von Kowno und Merecz auf der Karte ange- 
sehen. Das erstere am Zusammenfluss zweier schiff- 
barer Flüsse gelegen 1 ), war, wie man sagt, ungemein 
bevölkert und trieb grossen Handel; ausserhalb der 
Stadt sollen sich die Spuren einiger Hundert Häuser 
erhalten haben, die wie es heisst von englischen und 
holländischen Kaufleuten bewohnt waren. Was früher 
war, kann wiederhergestellt werden, und wenn es zum 
Handelstraktat mit Polen kommen sollte, glauben Sie, 
dass wir nicht im Stande sein werden Sie von allen 
Zollplackereien derDanziger Zollbeamten zu befreien, 
indem wir ins Land hineinfahren, um Ihre Produkte 
aus erster Hand zu nehmen?" Ihr Handel, schloss 
Pitt — , nachdem er noch bemerkt hatte, was ge- 
schehen könnte, um die Ausfuhr des Landes zu erhöhen 
— , ist für uns immer von gross tem Interesse ge- 
wesen. Ihr Getreide, ihr Leinen, ihr Hanf, ihr Bau- 
holz, ihr Leder und so viele andere Produkte, die wir 
gebrauchen, können mit den gleichen aus Russland 
bezogenen Waaren wohl rivalisiren, und Ihr Leinen 

') Des Njeraen und der Wilija. 



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48 



übertrifft sogar das, was wir aus anderen Ländern 
beziehen. Aber der Verkehr mit Polen ist uns auch 
darum um so vorteilhafter, weil Sie, da Sie weder 
Fabriken noch Manufakturen haben, viel ausländische 
Waaren und Luxusartikel gebrauchen, und das, was 
Sie von uns beziehen, uns mit Zinsen zurückgeben. 
So seien Sie denn überzeugt, dass wir einen warmen 
Antheil am Schicksale Polens und seines Handels 
nehmen, und nie zugeben werden, dass der Handels- 
vertrag, um den es sich handelt, Ihrem Lande nicht 
alle Vorteile garantirt, auf die es einen Anspruch hat." 
Im Anschluss an Oginskis Mission wurde dann 
Hailes instruirt, der polnischen Regierung zu ver- 
sichern, wie angenehm es dem englischen Ministerium 
wäre über eine politische und kommerzielle Verbin- 
dung mit Polen in Unterhandlung zu treten, 1 ) und 
an die preussische Regierung die Bitte gerichtet, ihrer- 
seits keine Hindernisse in den Weg zu legen. 2 ) Hailes 
setzte seine Thätigkeit daraufhin wieder in vollem Um- 
fange fort und gewann die polnische Majestät so 
ganz für sich, dass diese ihre Bereitwilligkeit erklärte 
ihren Einfluss in- und ausserhalb des Reichstages zu 
verwenden, um das wichtige Geschäft zum Abschluss 
zu bringen. 8 ) 

i) Leeds an Hailes, 8. Januar 1791. Rec. off Poland. Vol. 131. 

2 ) Leeds an Ewart, 8. Januar 1791. Rec. off Prussia. Vol. 146. 

3) Bericht von Hailes, 5. Februar 1791. Rec. off Poland. 
Vol. 131. Die Schreiben des Königs von Polen an Bukati, 
Kaiinka, S. 173 ff. ergänzen den Bericht von Hailes dahin, dass 
der König einem Einvernehmen mit England allerdings sehr ge- 
neigt war, aber die Hoffnung hegte es, ohne die Zession Danzigs 
zu erreichen. Er agitierte in Warschau in keiner Weise gegen 
die Zession, aber beauftragte den Gesandten doch noch alles 
zu versuchen, um die englische Regierung von diesem Verlangen 
abzubringen. 



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49 



Diese Verhandlungen fahrten nun im grossen und 
ganzen zu einem glücklichen Resultat. In Madrid und 
Stockholm wurde Neutralität zugesichert, wozu schwe- 
discherseits die Aussicht auf direkten Anschluss offen 
blieb. In Kopenhagen wurde das Allianz anerbieten 
allerdings nicht angenommen, aber es wurde versprochen, 
dem englischen Geschwader freien Durchzug durch 
den Sund zu gewähren und das Einlaufen englischer 
Schiffe in dänische Häfen zum Zwecke von Reparaturen 
u. s. w. zu gestatten. In Wien hatte Elgin trotz des 
Grolles, der dort in gewissen Kreisen, insbesondere in 
der Umgebung des Fürsten Kaunitz gegen England 
empfunden wurde geneigtestes Gehör gefunden und aus- 
drücklichste Versicherungen der Friedensliebe des Kaisers 
erhalten. „Wäreich einHexenmeisterundkönnteichPillen 
fabriziren, die Frieden schaffen würden", sagte er 
einmal zu Elgin, „so würde ich sie sogleich eingeben". 1 ) 
Er wollte auch, was in seinen Kräften stände aufbieten, 
um den russischen Hof in der den Alliirten erwünschten 
Weise zum Frieden zu bewegen, indem es lächerlich 
sei für einen anderen eine Sache zu vertreten, die er 
für sich selbst aufgegeben habe. Nur zu einem wollte 
er sich nicht verstehen: Er würde seine Verpflichtungen, 
die er in Reichenbach für den Fall eines russischen 
Krieges eingegangen sei, strikt halten, aber er könnte 
seine Neutralität nicht für die ganze Dauer des Krieges 
verbürgen; denn der Krieg könnte sich auf andere 
Gebiete ausdehnen und der Casus foederis dann von 
russischer Seite mit Recht aufgestellt werden. 2 ) Ueber- 

!) Elgin's Bericht, Wien, 24. Januar 1791. Rec. off. Austria 
vol. 28, hierzu die Auszüge aus Elgin's Berichten bei Herr- 
mann VI, 396-398. 

2) Elgin's Bericht, Wien, 26. Febr. 1791 . Rec. off Austria vol. 23. 

4 



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50 



haupt wollte er in Hinblick auf Preussen von einer 
eigentlichen Lostrennung von Russland nichts wissen, 
und das englische Cabinet bestand darauf auch nicht. 
Es ging sogar soweit auf den österreichischen Ge- 
dankenkreis ein, zu erklären, dass, wenn erst der 
Frieden mit der Pforte hergestellt wäre, kein Hinder- 
nis vorhanden wäre, so wie der Kaiser es wünschte, 
Russland in ein strikt defensives, auf die Erhaltung 
des Gleichgewichts zwischen den europäischen Mächten 
gerichtetes Bündnis aufzunehmen. 1 ) 

Und endlich wurde in Warschau folgendes er- 
reicht: Die Polen erklärten sich im März 1791, wenn 
auch mit äusserstem Widerstreben prinzipiell bereit 
über die Danziger Angelegenheit in weitere Verhand- 
lung zu treten, die Forderung Thorn's war in- 
zwischen preussischerseits zurückgezogen worden — 
unter der Bedingung, dass Preussen seine Gegen- 
leistungen noch erst schärfer formulirte. 2 ) Ueber die 
Stimmung in Bezug auf den Krieg verlautete, dass 
die Polen denselben wünschten und dem Verlangen 

1 ) „If that end should be obtained, there does not appear 
any necessary obstacle to the contracting of engagements with 
Russia, wbich sball be strictlv of defensive nature and directed 
to the future preservation of the established and subsisting 
balance between the diiferent powers of Europe." Leeds an 
Elgin, 7. Februar 1791. Reo, off. Austria vol. 23. 

-) Berichte von Hailes, zweite Hälfte März 1791. Rec. off 
Poland vol. 131; hierzu das Schreiben von Stanislaus an Bukati 
2. April 1791 bei Kaiinka S. 178. in welchem der König aus- 
drücklich schreibt, dass der Reichstag der Deputation befohlen 
habe, die Verhandlungen fortzusetzen. Der Danziger Resident 
in Warschau, vgl. Damus S. 153, ist also im Unrecht, wenn er 
berichtet, dass der Antrag auf eine Cession der beiden Städte 
sowohl in der Deputation wie im Reichstage eine entschiedene 



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51 

Atisdruck gäben, einen direkten Anteil an demselben 
zu nehmen. 1 ) 

So blieb also um den Schlussstein zu legen, nur noch 
übrig jetzt die gebührende Sprache in Sb. Petersburg 
zu führen, und falls die Zarin noch nicht nachgab 
sie von der Absicht der Alliirten zu unterrichten, in 
diesem Falle zu den Waffen greifen zu wollen. Dieser 
Beschluss wurde den Massregeln entsprechend, die 
schon seit längerer Zeit zwischen Berlin und Peters- 
burg beraten worden waren gefasst, und der Entwurf 
zu einer von den Mächten gemeinsam einzureichenden 
Drohnote von Pitt mit eigener Hand aufgesetzt. Sie 
führte aus, dass, da die ernstesten Wünsche der 
Alliirten den Frieden auf Basis des Status Quo her- 
zustellen bis dahin vereitelt wären, und die Zeit wo 
der Feldzug eröffnet würde, herannahe, sie nicht länger 
zögern könnten, in der ausdrücklichsten und unzwei- 
deutigsten Weise zu erklären, dass jede weitere Zu- 
rückweisung dieses Prinzips unvermeidlich zur Fort- 
setzung und Ausdehnung des Krieges führen müsste. 
Die beiden Höfe wären der Meinung, dass eine Gebiets- 
erweiterung Russlands von türkischer Seite in keiner 
Weise als für die Sicherheit der Russischen Besitzungen 
noth wendig erachtet werden könnte, dass aber anderer- 
seits die künftige Sicherheit der Türkei wesentlich ge- 
mindert werden würde und hieraus die schädlichsten 
Folgen für die Sicherheit Europas überhaupt entstehen 



Ablehnung erfahren habe. Die Aussichten, dass die Cession 
zugegeben werden würde, blieben allerdings geringer als Hailes 
sie schilderte; dass sie aber unter dem Drucke der Allianz- 
mächte, nach Ausbruch des Krieges, schliesslich doch zu Stande 
gekommen wäre, ist durchaus wahrscheinlich. 
!) Herrmann VI, 343. Anm. 425. 

4* 



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52 



würden. Aus diesen Gründen, und auch ängstlich be- 
sorgt nichts unversucht zu lassen, um den Krieg zu 
vermeiden, richteten sie an den Petersburger Hof das 
dringende Gesuch, dem Grundsatze beizutreten, der 
unter den augenblicklichen Verhältnissen allein eine 
Aussicht böte, die Ruhe Europas dauernd wiederher- 
zustellen. *) 

Mit dieser Note erging eine die polnische An- 
gelegenheit betreffende Deklaration nach Berlin, welche 
daselbst zu unterzeichnen war: sie enthielt die Präli- 
minarien eines zwischen Polen, Preussen und England 
zu schliessendenHandelsvertragsund unterwarf Preussen 
der Verpflichtung sobald Danzig zedirt sei, den pol- 
nischen Durchgangszoll von 12 auf 2 °/o herabzusetzen. 2 ) 
Zugleich wurde die preussische Regierung nochmals 
darauf aufmerksam gemacht, von welcher Wichtigkeit 
es wäre Polens Beitritt zur Allianz zu erlangen und 
wie darum mit allen Kräften darauf hingearbeitet 
werden müsste. 8 ) Ueber den Zweck des Krieges 
äusserte sich Pitt, dass an Eroberungen nicht gedacht 
werden dürfe, und dass, wenn Ereignisse eintreten 
sollten, die es den Alliirten geeignet erscheinen liessen 
über den Status Quo hinauszugehen, sie auch in diesem 
Falle nicht auf Erwerbungen für sich zusehen hätten, 
sondern nur darauf, der Pforte am schwarzen Meere 
eine noch grössere Sicherheit zu schaffen. 4 ) 



J ) Beiliegend den Instruktionen an Whitworth, 27. März 1791 
ganz eigenhändig. Rec. oft'. Russia vol. 142. 

2) Rec. off. Prussia vol. 146 No. 3. 

8 ) Instruktion an Whitworth 27. März 1791 No. 4. Rec; 
off. Russia vol. 142. 

4) Instruktion an Whitworth, 27. März 1791, No. B. Rec. 
off. Russia Vol. 142. 



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53 



Alle diese Mittheilungen ergingen, der ursprüng- 
lichen Absicht Pitt's entgegen, noch vor dem Aus- 
einandergang des Parlaments nach Berlin, wie es 
scheint, weil der König von Preussen nach einem von 
Wien eingetroffenen Bescheid, dass der Kaiser neutral 
bleiben werde, eine kategorische Antwort aus London 
binnen kürzester Zeit eingefordert hatte. 1 ) Ansehnlich 
waren übrigens die englischen Rüstungen bemessen: 
35 Linienschiffe und eine entsprechende Anzahl von 
Fregatten sollten Ende April in die Ostsee geschickt 
werden, und dazu wurden 10—12 weitere Linienschiffe 
in Bereitschaft gesetzt, um den Türken im schwarzen 
Meere beizustehen. 

Da geschah nun das nahezu Unglaubliche, dass 
in London, unter dem Drucke der von der Opposition 
in geschicktester Weise angefachten öffentlichen Mei- 
nung, in letzter Stunde das ganze Vorhaben aufgegeben 
wurde, und dass Pitt trotz der Majorität, die er in 
beiden Häusern ffor sein kriegerisches Programm fand 
eine Wendung beschloss, die in der Folge nichts we- 
niger bedeutete, als ein völliges Fallenlassen seines 
bis hierher mit so vieler Consequenz und so gutem 
Erfolge durchgeführten Systems. Es sind die Vorfälle, 
die sich jetzt in London abspielten oft erzählt worden, 
und seit der Publikation der Denkschriften Carmarthen's 
sind wir sogar über die Besprechungen, welche an 
mas8gebend8ter Stelle, unter den Mitgliedern des 
Cabinets selbst stattfanden unterrichtet. 2 ) Hier muss 



*) Rescript an den Grafen von Redern, 11. März 1791. 
Rec. off. Prussia-Copie. (Im Original eigenhändig vom Könige.) 

*) Political Memoranda ed. Browning, S. 160 ff. Eine 
eingehende Darstellung dieser Verhältnisse unsererseits soll aber 
auf einen anderen Zusammenhang aufgeschoben werden, indem 



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54 



die Andeutung genügen, dass Pitt sich vor die Alter- 
native gestellt fühlte, entweder in dem einen Eessort 
seiner Verwaltung, dem der Auswärtigen Angelegen- 
heiten, nachzugeben, — denn Pitt zauderte keinen 
Augenblick sich mit dem Staatssekretär des Auswärtigen 
zu identifiziren — oder auf seine ganze Ministerschaft 
zu verzichten und dass in dieser peinlichen Lage die 
Verpflichtungen, die er seinem Könige und dem Lande 
gegenüber zu haben meinte ihn veranlassten, das erstere 
zu thun, „einer schrecklichen Notwendigkeit sich unter- 
werfend", wie er zu einem Beamten des Auswärtigen 
Amtes sagte. 1 ) So erging nach Berlin zunächst eine Contre- 
ordre bis auf weiteres sowohl die Unterzeichnung der 
Conventionen, wie auch die Absendung des Ultimatums 
nach St. Petersburg auszusetzen, woraufhin Mr. Faw- 
kener in Spezialmission eintraf, um das preussische 
Cabinet von den Gründen dieses veränderten Planes 
in Kenntniss zu setzten und es für eine auf Basis 
eines modificirten Status Quo zu eröffnende Verhandlung 
zu gewinnen. 2 ) 

Zunächst schien noch alles gut abzulaufen. Der 
König von Preussen nahm die Mitteilungen aus 
London mit grosser Liebenswürdigkeit auf, versicherte, 
von den guten Absichten des Ministeriums überzeugt 
zu sein, und versprach was in seinen Kräften stände 
zu thun, um schlimme Folgen zu vermeiden. 8 ) Für 



ein sicheres Urteil über Pitt's Verhalten nicht aus dem bisher 
herangezogenen Material, sondern nur aus einer zusammen- 
hängenden Entwicklung seiner parlamentarischen Stellung 
überhaupt gewonnen werden kann. 

*) Zu dem Unterstaatssekretär Burges (19. April 1791); 
Bland-Burges Papers ed. Hutton, S. 443. 

3 ) Herrmann VI. 409. 

3 ) Ewart's Bericht, 30. April 1791. ftec. off. Prussia, vol. 147. 



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55 



das System als solches schien auch nichts zu fürchten 
zu sein, da man die Möglichkeit zu sehen glaubte 
den Kaiser ftir dasselbe zu gewinnen. Pitt that in 
dieser Richtung sofort einen entscheidenden Schritt, 
indem er Lord Elgin in dringlicher Form beauftragte 
den Kaiser zum Beitritt zur Tripelallianz zu veran- 
lassen. 1 ) Der König von Preussen, welcher über die 
Mission Elgins seine höchste Befriedigung ausge- 
sprochen hatte, 2 ) unterstützte die englischen Be- 
strebungen durch die Sendung Bischoffwerders, und 
man hat nur die Instruktion desselben zu lesen, 8 ) um 
zu sehen, dass das bisherige System noch durchaus 
gewahrt wurde. Aber es erwies sich bald, dass der 
Boden auf dem man sich vorwärtsbewegte, schwan- 
kend geworden war. Auch diese neue Combination 
beruhte preussischerseits noch immer auf dem Gegen- 
satze gegen Russland, und der König von Preussen 
ging von der Voraussetzung aus, dass auch die über 
einen modifizirten Status Quo in Petersburg zu er- 
öffnenden Verhandlungen, notwendig von einer ernst- 
lichen Drohung, und also von englischer Seite, von dem 
Erscheinen einer Flotte sowohl in der Ostsee wie im 
schwarzen Meere begleitet sein müssten. Er seiner- 
seits, sagte er zu dem englischen Gesandten, werde 
in seinen Vorbereitungen, so kostspielig sie auch sein 
möchten, nicht nachlassen, sondern sich jeden Augen- 
blick zum Losschlagen bereit halten. 4 ) 



*) Instruktion an Elgin, 19. April 1791, Private and most 
secret. Rec. off. Austria vol. 23, auszugsweise bei Herrmann, 
„Zur Geschichte der Wiener Convention vom 25. Juli 1791 etc." 
in Forschungen zur Deutschen Geschichte V. 242. 

2) Ewart's Bericht, 30. April 1791. Rec. off. Prussia. 

8 ) Herrmann VI, 425—427. 

*) Ebendaselbst, 409. 



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56 



Jetzt aber traf eine auf eingehenden Beratungen 
des Kabinetsrats basierende Depesche in Berlin ein, 
welche jede Teilnahme an Massregeln wie sie von Preussen 
gewünscht wurden verweigerte. 1 ) Es sei Sr. Majestät 
sicherlich sehr schmerzlich, ein von dem Könige von 
Preussen in so dringlicher Weise erbetenes Gesuch 
zu verweigern. Man habe darum wiederholt darüber 
beraten, und zwar mit grösster Aufmerksamkeit. 
Aber das Resultat aller Ueberlegungen sei, dass ab- 
gesehen von den Schwierigkeiten, welche die Ent- 
sendung einer Flotte an und für sich mit sich brächte, 
diese Massregel nicht übereinstimmend erscheine, mit 
der allgemeinen Richtschnur, die man angenommen 
habe und an der man notwendig festhalten müsse, 
wenigstens bis das Verhalten Russlands ein ver- 
ändertes Vorgehen in den Augen des Publikums als 
unbedingt gerechtfertigt erscheinen lasse. Die preus- 
sischen Minister bemerkten darauf sehr richtig, dass 
sie nun auf keinen Fall von England einen wirksamen 
Beistand gegen Russland zu erwarten hätten und da- 
her ihr König nach all seinen Anstrengungen und 
Ausgaben genöthigt sein werde, sich einer schlimmen 
Demüthigung zu unterwerfen. 2 ) Und jetzt war der 
Augenblick gekommen, welchen Ewart so richtig vor- 
ausgesagt hatte, dass Preussen in dem Gefühle keinen 
Halt an England zu besitzen, sich von England zu- 
rückzog, und, wenn gleich die Tripelallianz dem 
Namen nach bestehen blieb, sich in neue auf ganz 
anderen Tendenzen beruhende Verhandlungen einliess. 



*) Grenville an Ewart, 26. Mai 1791. Rec. off. Prussia 
vol. 147. 

2 ) Ewart's Bericht, 5. Juni 1791, bei Herrmann „Diplo- 
matische Correspondenzen aus der Revolutionszeit", S. 20. 



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B7 



War damit der Hauptpfeiler des Pitt'schen Systems 
hinweggenommen, so stürzte das ganze Gebäude zu- 
sammen und begrub die Selbständigkeit Polens unter 
seinen Trümmern. 

§4. 

Unsere Darstellung hat sich also, da von . hier 
an das Zusammenwirken Englands mit Preussen, das 
so lange Zeit hindurch die Grundlage aller Kombina- 
tionen gebildet hatte, aufhört, in zwei Richtungen 
zu spalten: sie muss um den Zusammenhang der eben 
geschilderten Ereignisse mit der Teilung Polens nach- 
zuweisen, sowohl dem Gange der preussischen als 
dem der englischen Politik folgen und zeigen inwie- 
fern, infolge des Zusammenbruchs des Pitt'schen Sy- 
stems, an beiden Höfen die bis dahin auf die Be- 
festigung Polens zielenden Bestrebungen einer ande- 
ren den Polen verhängnisvoll gewordenen Haltung 
Platz gemacht haben. 

Um mit Preussen zu beginnen, so ist hier zuerst 
der ersten Mission Bischoffwerders nach Wien (Fe- 
bruar 1791) zu gedenken, da diese den Glauben er- 
wecken könnte, dass das preussische Cabinet schon 
vor Pitt's Rückzug dem englische Systeme untreu 
geworden sei. Wurde diese Mission doch den Eng- 
ländern — wenn auch gleichzeitig damals Lord Elgin 
um die Freundschaft Oesterreichs warb 1 ) — bis in den 
April hinein geheim gehalten, und hatte gar Bischoff- 
werder vor seiner Abreise nach der österreichischen 
Hauptstadt dem österreichischen Gesandten, Fürsten 
Reuss, versichert, dass, wenn es zum Einverständnis 
mit dem Kaiser käme, der König bereit sein würde, 



i) vgl. S. 46, 49. 



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B8 



trotz Englands Widerspruch den Russen Oczakow zu 
überlassen. 1 ) Er habe es satt von England eine 
Schelle angehängt zu erhalten. 2 ) Aber dem ist ent- 
gegenzuhalten, dass Bischoffwerder diese Sprache nur 
so lange führte, als man in Berlin über die Haltung 
Englands für den Fall, dass man es zum Kriege mit 
Eussland kommen Hesse, im Zweifel war — er sagte 
zu Reuss, man werde in London von dem Status 
Quo abgehen müssen, da man zum Kriege schwerlich 
die Zustimmung des Parlaments erhalten würde 8 ) — 
und dass seine Sprache umschlug, sobald man der 

*) Sybel, Geschichte der Eevolutionszeit (4. Auflage) I. 276. 

2 ) Beer, Leopold IL, Franz I. und Catharina. S. 89. 

3 ) Bericht von Reuss bei Beer. Die Stimmung, welche 
damals am preussischen Hole England gegenüber herrschte, ist 
besonders gut aus Ewart's Unterredungen mit den preussischen 
Staatsmännern ersichtlich So sagte Hertzberg: v there was at 
the Court of London an evident intention of procrastinating and 
of never Coming to a final decision to employ rigorous 
measures against Russia. He said he saw that England was 
not resolved upon the part, she would take, tbat therefore It 
would be as well to declare at once her determination not to 
go to war with the Empress and let her make her peace with 
the Turcs on her own terms and thereby save the allies the 
trouble and expence of an armament." Und noch interessanter 
sind Bischoffwerder's Aeusserungen, der gerade vor der Abreise 
nach Wien stand: „he has told me, that altho' the king adhered 
to the measures proposed, yet he could have wished to see 
any one given case specified, in which he should have been 
assured to a certainty of the effectual support of a British 
fleet .... The King by no means wished for war, but he 
feit bis dignity hurt at not being able to announce positively 
the conduct he should follow in any given case, whereby he 
also thought, he was prevented from contributing more effectually 
to the restauration of peace without having recourse to measures 
of force." Ewarts Bericht, 23. Januar 1791. Rec. off. Prussia, 
vol. 146. 



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59 



englischen Mitwirkung sicher zu sein glaubte. Nach 
seiner Rückkehr aus Wien nahm er sogar Gelegenheit 
dem englischen Gesandten die Gesichtspunkte seiner 
Politik in bemerkenswerter Uebereinstimmung mit 
denen Pitt's vorzutragen: von der Notwendigkeit 
ausgehend, in der man sich befände, der Zarin ener- 
gisch entgegenzutreten, entwickelte er, dass auch er 
die Bildung eines künftigen Systems im Auge habe, 
und zwar eines solchen, das Preussen gegen Angriffe 
von Seiten der Kaisermächte sichern und zugleich die 
Möglichkeit schaffen sollte, auch sonstigen Ueber- 
griffen dieser Höfe Schranken zu setzen. Das wäre 
auch der sehnliche Wunsch und die eigentliche Trieb- 
feder seines Königlichen Herren. 1 ) — Auch Bischoff- 

*) „The argument, Colonel Bischoffwerder laid the greatest 
stress upon, was the formation of a future System. This idea, 
he said, must be totally given up, if we abandoned the ground, 
on which the negociation with Russia had hitherto been carried 
on, as it would be no longer possible to retain any credit or 
influence whatever either in Poland or at the Porte and we 
should thereby loose two very important links of the grand 
federal chain the allies had in view. He said, that perhaps the 
first and most evident motive of the king's conduct was the 
assuring to this country such a System of alliance, as would 
shelter him from any future attack of the two imperial courts 
and at the same time enable him to continue the conspicuous 
part his predecessor raaintained by suppressing the ambitious 
views of either of those courts upon other persons. This could 
only be done by establishing atpresent such a character ot firm- 
ness and resolution, as might overrawe our enemies and inspire 
confidence into our allies and those who were now upon a 
footing of friendship with us and whose alliance might not 
only be obtained but made an object of great importance by 

a proper and judicious conduct While if a contrarv 

line of conduct was pursued, we should neither acquire 
new allies nor, he feared, keep up the necessary harmony 



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60 



werder's zweite Sendung erfolgte, wie wir bereits er- 
wähnten, ursprünglich noch in vollem Einklänge mit 
den englischen Staatsmännern, wie von diesen die An- 
näherung der beiden deutschen Mächte an einander 
an und für sich begünstigt wurde. 1 ) Aber während 
seines Aufenthalts in Wien trat der Umschwung 
ein, eben auf die Mitteilung hin, dass das englische 
Cabinet sich endgültig entschieden hatte Preussen 
in der russischen Angelegenheit im Stich zu lassen. 2 ) 
Jetzt schloss Bischoffwerder, nicht zum mindesten 
von der Besorgnis geleitet einer Koalition der Kaiser- 
mächte isolirt gegenüber zu stehen, jene unheil- 
volle Convention vom 25. Juli 1791 ab, die weil sie 
einerseits ohne jede Verbindung mit England ver- 
handelt wurde, andererseits den russischen Sympathien 



within the alliance already formed." Der Bericht über diese 
Unterredung schliesst: „having read to Mr. de Bischoft- 
werder all that part of this despatch which relates to the 
immediate wishes and inten tions of His Prussian Majesty, 
the Colonel assured that it is a very exact statement of His 
Majesty's sentiments." Ewart empfahl daraufhin auch seiner- 
seits noch einmal ein Aufrechterhalten des Systems „for 
supressing the influence of cabal and faction and for maintaining 
in His Prussian Majesty a sufficiently strong idea of the im- 
portance of an english alliance. u Bericht von Ewart, Berlin 
11. März 1791. Eec. off. Prussia, vol. 146. 

*) So liest man u. a. in einer Instruction von Leeds an 
Ewart, 5. November 1790: „It would be extremely unfortunate, if 
any event should create jealousy and humour between Austria 
and Prussia, two countries which it is so much the interest not 
only of their own dominions but of Europe in general to see 
in good understanding. a 

2 ) Bischoffwerder an den König, Wien, 2S./26. Juli 1791, bei 
Herrmann, Zur Geschichte der Wiener Convention. Forschungen 
zur Deutschen Geschichte V, 274 



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61 



des österreichischen Kaiserhofes nachgab, den Bruch des 
Pitt'schen Systems offen verkündete. Er versicherte 
damals mit bestem Grunde, dass alles anders ge- 
kommen wäre, wenn England den Russen gegen- 
über eine andere Haltung beobachtet hätte. 1 ) 

Die polnischen Angelegenheiten waren übrigens, so- 
weit es sich um* den Ursprung «des Teilungsplanes han- 
delt durch diese Verhältnisse nicht berührt, daKaiser Leo- 
pold durchaus gewillt war die Selbstständigkeit Polens 
zu erhalten und seine freundschaftlichen Gesinnungen 
für Bussland nichts mit dem Gedanken einer Schädi- 
gung Polens zu thun hatten; ganz im Gegen theil 
suchte er es der Zarin plausibel zu machen, dass es 
auch in ihrem Vorteile läge die Integrität Polens zu 
wahren. 2 ) 

Auf den eigentlichen Zusammenhang mit Polen 
führen also erst Preussens Beziehungen zu Russland, 
wie sie sich aus dem Bruche des englischen Systems 
ergaben und in der polnischen Politik Preussens ihren 
Ausdruck fanden. Es ist hier der Wechsel in der 
Stimmung des preussischen Cabinets an den Erör- 
terungen zu verfolgen, welche sich an den viel be- 
sprochenen polnischen Staatsstreich vom 3. Mai 1791 
geknüpft haben. Wie dieser nämlich — wenn gleich 
aus selbstständigen Impulsen der Polen hervorgehend, 
und nicht wie lange angenommen worden ist durch 
Umtriebe auswärtiger Agenten herbeigeführt, — von 
vornherein mit den Ereignissen der grossen Politik in 



!) Ders. an deDS., Wien, 23. Juli 1791. Ebendaselbst 
S. 272. 

2) Sybel, „Zur Politik Kaiser Leopold's II." Sybels 
Historische Zeitschrift XXIII, 75. 



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62 



engster Verbindung gestanden hat, so bildete er für 
die europäischen Mächte, von hier an bis zum Unter- 
gange Polens den Angelpunkt der polnischen Frage. 
Man kennt seinen Zweck: die Einbringung einer 
neuen Verfassung , welche das Land selbstständig 
machen sollte und hierzu vornemlich die Erblichkeit 
der polnischen Krone* im Hause Chursachsen ver- 
kündete. Dabei hatten die auswärtigen Verhältnisse 
insofern einen Einfluss ausgeübt, als durch das Zurück- 
ziehen Pitt's, dessen Vorgehen gegen Russland man 
in Warschau mit gespanntester Aufmerksamkeit ver- 
folgt hatte, das Gefühl wachgerufen worden war, in 
Stich gelassen zu sein, so dass die Polen die Form 
des Staatsstreichs gewählt hatten, um sich ohne jeden 
Verzug selbst zu helfen. 1 ) Wäre es also zu viel 
gesagt, dass, wenn Pitt festgeblieben wäre, man 
die alte Verfassung beibehalten hätte, so lässt sich 
doch behaupten, dass die Entwickelung sich anderen- 
falls sicherlich in ruhigerer Weise vollzogen haben 
würde. 

Preussischerseits ist dieser bedeutsame Schritt der 
Polen anfangs mit G-enugthuung begrüsst und nachdem 
man sich über die veränderte Sachlage klar geworden 
war, ~ besonders zeigte sich der preussische Monarch 
jetzt bereit, von seinem ursprünglichen, einer polnischen 
Erbmonarchie durchaus feindlichen Standpunkt mit 
Rücksicht auf die allgemeine politische Lage abzugehen, 
— den preussischen Interessen entsprechend erachtet 
worden. Denn man durchschaute in Berlin sehr bald, 
wie peinlich der Petersburger Hof durch diesen Vor- 



*) Bericht von Halles, Warschau, 3. Mai 1791. Rec. off. 
Poland, vol. 181. 



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63 



fall berührt werden musste, *) und nicht nur, weil 
man momentan des polnischen Beistandes gegen Ifcuss- 
land eventuell noch bedurfte, sondern weil Pitt's 
System überhaupt, wie man wusste und billigte, auf 
der Mitwirkung Polens beruhte, schien eine dauernde 
Stärkung dieses Landes durchaus in die Politik der 
Alliirten hineinzupassen. 2 ) Dazu erschien eine Dar- 
legung des englischen Gesandten, dass man den Staats- 
streich sich zu nutzen machen könnte, um den Kaiser 
von dem russischen Bündnis zu trennen und für die 
Tripelallianz zu gewinnen sehr einleuchtend: der 
Kaiser, führte Ewart aus, würde beitragen, den Kur- 
fürsten von Sachsen zu stützen, und daran könnte 
man anknüpfen um zwischen ihm, Sachsen, Polen und 
den Allianzmächten eine Koalition zu bilden, die den 
russischen Einfluss in Polen ausschliessen und die 
Mittel bieten würde, trotz Verzicht auf den strikten 
Status Quo, Polen wie Türken zu retten. So Hess sich 
Schulenburg — nach Hertzberg's Rücktritt der be- 
deutendste unter den preussischen Ministern — nach 
anfänglicher Verstimmung, von dem Gesandten über- 
zeugen und veranlasste den König dem Kurfürsten 

1 ) „C'est au reste pour prevenir reffet des etforts que les 
deux Cours Imperiales et leurs partisans faisaient depuis quelque 
temps pour augmenter leur influence et meme pour operer une 
contre-revolution dans ce royaume que le parti bien intention- 
n6 c'est vu oblige de faire cette demarche deeisive. Je n'ai pü 
en consequence que la voir de tres-bon oeil et c'est que vous 
aurez sohl de faire paraitre saus affectation dans la maniere de 
vous expliquer sur ce sujet surtout envers les ministres de Saxe 
et de Pologne. u Berlin, le 9. Mai 1791. Ministerialreskript 
w Au comte de Goltz a St, Petersbourg", Geheimes Staatsarchiv. 

2 ) Das möchte ich der Darstellung Sybels gegenüber 
(I, 291) besonders betonen. 



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64 



umgehend zu gratuliren und ihm verstehen zu geben, 
dass man in Berlin nicht abgeneigt sei, vertraulich 
mit dem Kaiser über Massregeln zu unterhandeln, die 
gemeinsam zu ergreifen wären, um der Gefahr rus- 
sischer Umtriebe in Polen entgegenzutreten. 1 ) Dieselbe 
Gesinnung wurde dann in der Instruktion Bischoff- 
werder's kundgegeben, der auf dem Wege nach Wien 
in Dresden Halt zu machen und dem Kurfürsten 
direkte Aufträge zu überbringen hatte. 2 ) 

Und so war es auch hier erst, wie es ganz scharf 
zu beobachten ist, der endgültige Rückzug Pitt's, 
welcher auch in der polnischen Politik des preussischen 
Cabinets den Systemwechsel herbeiführte. Am 10. Juni 
erging die Nachricht an die preussische Gesandtschaft 
in Petersburg, dass die Entsendung einer englischen 
Flotte, die man so sehr gewünscht hätte, nicht mehr 
zu erwarten wäre; und in eben dieser Depesche wurde 
zum ersten Male, von dem bisherigen Tone ganz ab- 
weichend, an einegewisse Gemeinsamkeit derpreussischen 
und russischen Interessen in Polen appellirt. Es sei 
sicher dass, wie man sich auch in Petersburg stelle, 
die erbliche Monarchie dort nicht angenehm sein 
könne. Sollten die russischen Minister hierüber also 
Eröffnungen machen, so solle der Gesandte alles ad 
referendum nehmen, aber sich wohl hüten eine ähnliche 
Annäherung zurückzuweisen. 8 ) Und wenige Tage darauf 



!) Bericht von Ewart, 7. Mai 1791. ßec. off. Prussia, 
vol. 147. 

2) Bei Herrmann VI, 426. 

8 ) Die letzten Worte: „en vous gardant cependant de re- 
jetter un rapprochement pareil" sind von Schulenburg mit 
eigener Hand hinzugesetzt. „An Comte de Goltz." Berlin, 
10. Juni 1791. Geheimes Staatsarchiv. 



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erging ein anderes "Reskript: es sei noch nicht an der 
Zeit eine so zarte Saite zu berühren, wie die künftigen 
Schicksale Polens es seien. Er solle aber nicht die 
geringste Abneigung zeigen irgend welche Insinuationen 
russischerseits anzuhören, im übrigen aber Gelegenheit 
nehmen gesprächsweise und ohne Affektation zu ver- 
sichern, dass der König von Preussen die Revolution 
nicht bewirkt habe, sondern dass sie ihm ebenso un- 
erwartet gekommen wäre, als allen anderen Mächten. 1 ) 
Und unschwer ist die Erklärung für dieses veränderte 
Verhalten zu finden. War nämlich mit dem völligen 
Aufgeben des Status Quo jede Schranke gegen die 
agressiven Tendenzen Russlands hinweggenommen, und 
die politische Lage damit überhaupt wieder viel unsicherer 
geworden, so konnte es jetzt nicht mehr der Vorteil 
Preussen s sein, einen Zustand aufrecht zu erhalten, 
der nur eben unter der Garantie des Status Quo genehm 
gewesen war, aber anderenfalls zu bedenklichen Con- 
sequenzen führen konnte. Denn kam es jetzt zu 
neuen kriegerischen Komplikationen, die doch nicht 
zu verhindern waren, und wurden den Eroberungs- 
gelüsten der Kaisermächte von neuem die Thore ge- 
öffnet, so durfte das preussische Kabinet sich den 
Weg doch nicht dort für sich verschliessen lassen, 
wo eine Abrundung des preussischen Territoriums am 
gebotensten war. Dazu kam die andere Ueberlegung, 
dass falls die Zarin etwa daran dachte nach Abschluss 
mit den Türken die ihr widerwärtige "Verfassung in 
Polen einfach mit den Waffen in der Hand aufzuheben, 
es in Preussens Macht — ohne Englands Beistand — 
ja gar nicht mehr lag sich dem zu widersetzen, und 

! ) An denselben. Berlin, den 14. Juni 1791. Geheimes 
Staatsarchiv. 



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66 



es also auch für diesen Fall besser wäre, sich mit 
Russland zu einigen, als Polen zur russischen Provinz 
werden zu lassen. Das waren von nun an die leitenden 
Gedanken der preussischen Staatsmänner. Nur darf 
man sich aber nicht vorstellen, dass dieselben eine 
Annäherung an Russland sonstwie gefördert oder 
auch nur die geringsten Vorschläge ihrerseits gemacht 
hätten. Ihre Meinung war vielmehr, da sie nach den 
Abmachungen mit Oesterreich nichts zu riskiren 
hatten, Russland herankommen zu lassen, und die 
ersten Eröffnungen von russischer Seite zu erwarten; 1 ) 
aber es ist doch aus Andeutungen, welche Schulen- 
burg dem englischen Hof gegenüber machte, zu ent- 
nehmen, dass sie bereits im August 1791 die Mög^ 
lichkeit einer Teilung ins Auge gefasst hatten. 2 ) Eine 
Entscheidung durfte überdies herausgeschoben werden, 



! ) „Ce que j'ai deja fait est süffisant et c'est presentement 
a PImperatrice a me dtre son opinion. Pour peu que ses vues 
soient serieuses eile ne gardera pas longtemps le silence, sur- 
tout apres avoir temoigne d'ailleurs l'envie de rötablir une 
meilleure intelligence avec moi." Au Baron de Goltz 27. August 1791. 
Geh. Staatsarchiv. 

2 ) Schulenburg führte aus, dass die vorteilhafte Stellung, 
welche Russland am Schwarzen Meere erlangt hätte, natürlicher 
Weise der Zarin Hauptaufmerksamkeit dorthin ziehen und sie 
in der Idee bestärken würde, sich dort fest zu setzen; in diesem 
Falle werde der Kaiser, was auch immer seine eigentlichen 
Wünsche sein möchten, aus Unvermögen dem Fortschritt E-uss- 
lands Einhalt zu thun, genöthigt sein, sich mit ihr zu irgend 
einem Theilungsplane zu vereinigen, und dann werde Preussen 
sich in der Notwendigkeit befinden, an einem solchen Plane, 
dessen Ausführung es nicht würde hindern können, sich gleich- 
falls zu betheiligen. Ewarts Bericht, 4. August 1791, bei Herr- 
mann, Diplomatische Correspondenzen S. 72. 



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67 



weil es noch immer unbestimmt war, ob der Kurfürst 
von Sachsen die ihm angebotenen Bedingungen über- 
haupt annehmen würde. 

Die Krisis musste aber eintreten, als unter dem 
Drucke des herannahenden Revolutionskrieges das öster- 
reichische Cabinet die Initiative ergriff und mit der 
Bemerkung, dass Polen nicht länger von- dem vor- 
wiegenden Einflüsse einer benachbarten Macht ab- 
hängen dürfe, eine Denkschrift in Berlin und Peters- 
burg einreichen liess, welche die Sicherstellung des 
Landes und die Anerkennung der Erblichkeit der pol- 
nischen Krone im Hause Chursachsen seitens der 
Grossmächte anempfahl. Jetzt hielt Catharina den 
Augenblick für gekommen, ihr bisher bewahrtes Still- 
schweigen zu brechen, und in Berlin daraufhinweisend, 
dass die Entstehung einer Macht ersten Ranges, welche 
auf jeden ihrer Nachbarn den empfindlichsten Druck 
ausüben könnte für Preussen nicht minder bedenklich 
sei als für Russland, anheimzustellen, dass Preussen, 
Oesterreich und Russland über diese bedeutende Sache 
in ein enges Einvernehmen treten sollten. 1 ) Darauf 
gab der preussische Monarch, welcher aus den übrigen 
Aeusserungen des russischen Vizekanzlers entnommen 
hatte, dass die Zarin sehr bald mit Eroberungsplänen 
hervortreten würde, sein Urtheil dahin ab, dass Russ- 
land von dem Gedanken einer neuen Teilung nicht 
weit entfernt sei, und dass dieser Plan — unter 
gewissen Bedingungen, die er ausführte - der für 
Preussen günstigste sein würde. Es war das, wie es 
in der Geschichte der Revolutionszeit so treffend aus- 
gedrückt ist, das Todesurteil über Polen. 2 ) 



i) Sybel I, 463. 
2) Sybel I, 466. 



5* 



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68 



Werfen wir nun, nachdem wir die preussische 
Regierung sich in diesem dem Pitt'schen System ent- 
gegensetzten Sinne haben entscheiden sehen, unsere 
Blicke nach London, so finden wir den Staat, den die 
Continentalmächte bis dahin mit Neid als den leitenden 
Europas hatten bezeichnen dürfen, nach Sprengung 
des Systems mehr und mehr isolirt, über die Pläne 
seines bisherigen Alliirten im Unklaren gelassen und, 
weil also unwissend wo der Hebel einzusetzen war, 
um den Polen zu helfen, den Russen gegenüber aber 
in einer aktiven Politik gehemmt, nach jeder Rich- 
tung ausser Stande dem Verhängnisse vorzubeugen. 

Zuversichtlich hatte sich das englische Cabinet 
nach Pitt's Schwenkung nur noch die Zeit hindurch 
geäussert, in welcher man gedacht hatte, dass das 
System durch Heranziehung des Kaisers zu retten 
wäre. Allerdings war, gleich nachdem der Entschluss 
gefasst war den Krieg mit Russland zu vermeiden, 
eine Ordre nach Warschau abgegangen die Handels- 
vertragsverhandlungen zu vertagen, der bald eine an- 
dere nachgesandt war, sie ganz aufzuheben *) ; aber die 
englischen Minister hatten dabei einen besonderen 
Wert darauf gelegt diese Massnahmen nicht als ein 
Zeichen veränderter Gesinnung aufgefasst zu wissen 
und waren ganz ausdrücklich der Besorgnis entgegen- 
getreten, dass irgend welche neuen Teilungsprojekte 
im Gange seien. 2 ) Es waren diese Bestimmungen auch 

i) Grenville an Halles 3/25. Mai 1791. Rec, off. Poland 
vol. 131. 

3 ) „You will also discourage to the utmost any idea of 
there being parties to any plan for a new dismemberment or 
partition of the territories of the republic. tt 



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69 



thatsächlich nur gefasst worden, um vorzubeugen, dass 
jetzt, wo man von dem strikten Status Quo abging, 
Oesterreich nicht mit Berufung auf dieDanziger For- 
derung Preussens ebenfalls mit neuem Verlangen her- 
vorträte, wovor das preussische Cabinet in London 
gewarnt hatte. Im Uebrigen hatte man den Staats- 
streich gern gesehen. Man hatte ihn, wie bereits 
ausgeftlhrt, besonders von dem Gesichtspunkte aus 
betrachtet, dass er für den Kaiser ein Motiv abgeben 
könnte sich den Allianzmächten anzuschliessen *) und 
in diesem Sinne in Warschau wissen lassen, dass wo- 
fern der innere Zustand des Landes der Veränderung 
günstig sei, die gegenwärtige politische Lage eine 
Störung der polnischen Bestrebungen weniger wahr- 
scheinlich mache als je. Der Gesandte Hailes war 
sogar beauftragt worden den aufrichtigen Wünschen 
seiner Regierung fftr die Dauer der neuen Verfassung 
Ausdruck zu geben, nur allerdings ohne dass er, für 
den Fall, dass infolge derselben Unruhen ausbrechen 
sollten irgend welche Verpflichtungen eingehen durfte. 2 ) 
Aber in dem Masse als sich die preussisch - eng- 
lische Allianz löste, wurde es stiller in London. Im 
Juni erging noch ein Rescript nach Berlin, welches 
die Gesichtspunkte der englischen Regierung in der 
polnischen Frage entwickelte und damit auf den 
Wunsch einer weiteren gemeinsamen Behandlung der- 
selben anspielte: Die allgemeine Lage der europäischen 
Verhältnisse biete den stärksten Grund in Bezug auf 
die polnische Frage die äusserste Vorsicht zu beob- 
achten, und in keiner Weise erscheine es wünschens- 



!) Vgl. Grenville's Schreiben an Elgin, 23. Mai 1791, bei 
Herrmann, Forschungen zur Deutschen Geschichte, V. 252. 

2) Grenville an Hailes 25. Mai 1791. Rec. oft. Poland 
vol. 181. 



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70 



wert, dass die Alliirten sich durch irgend welche 
neue Verpflichtungen bänden, so lange die wichtigen 
Dinge, die jetzt in Verhandlung ständen, noch uner- 
ledigt wären. Die Minister des Königs blieben in- 
dessen der Meinung, dass die Errichtung einer festen 
und dauernden Regierungsform in Polen von Vorteil 
für die allgemeinen Interessen Europas sein würde 
und als eine wesentliche Schranke gegen russische 
Unternehmungen dienen könnte. Zu einer glücklichen 
Erledigung dieser Angelegenheit, würde mehr wie 
alles andere ein gutes Einvernehmen mit dem Kaiser 
beitragen; aber solange dessen Absichten so zweifel- 
haft blieben, erscheine es in keiner Weise klug sich 
selbst in irgend einer Weise zu binden. 1 ) Wie die 
hier erwähnten „wichtigen Dinge", aber dann, wie 
man es in London nicht ohne Empfindlichkeit betonte, 
ohne jede Rücksicht auf die englischen Intentionen 
erledigt wurden, so wurden die Engländer hiernach 
auch von den polnischen Angelegenheiten fern ge- 
halten. Als also in dieser Zeit dem englischen Mini- 
sterium von polnischer Seite eine Denkschrift einge- 
reicht wurdp, England möge zu Hilfe kommen und 
bei der Zarin vermitteln 2 ) — König Stanislaus schrieb 
zu gleichem Zwecke einen Brief an König Georg — 
konnten die englischen Minister den Polen wirklich 
nichts mehr als leere Worte zur Antwort geben. So 
war es erst wieder kurz vor Beginn des Revolutions- 
krieges, dass sich das englische Cabinet in die Poli- 
tik der Continentalmächte in Bezug auf Polen ein- 
mischte. Nicht, dass es dem Petersburger Hofe gegen- 

!) Grenville an Ewart 14. Juni 1791. Eec. off. Prussia 
vol. 147. 

2) Datirt 23. Juli 1791. Rec. oft. Poland vol. 128. 



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71 



über eine drohende Haltung eingenommen oder seinen 
Standpunkt dort überhaupt nur klargemacht hätte; 
der dortige Gesandte war vielmehr instruirt worden 
die Regierung in keiner Weise zu engagiren. *) Aber 
es ergingen Weisungen nach Berlin den preussischen 
Hof darauf aufmerksam zu machen, wie unendlich 
gefährlich es für die preussischen Interessen werden 
könnte der Zarin völlige Freiheit des Handelns zu 
lassen, während die österreichischen und preussischen 
Truppen gegen Frankreich beschäftigt wären, mit 
welchen Gefühlen des Unwillens andererseits aber der 
König den preussischen Monarchen in ein neues 
Teilungsprojekt würde eintreten sehen. Demgegen- 
über empfahlen die englischen Staatsmänner eine feste 
Einigung zwischen Berlin und Wien 2 ) und schrieben 
in diesem Sinne auch nach Wien: Nur hierdurch — 
durch ein Zusammengehen mit Preussen — seien die 
immer deutlicher hervortretenden Absichten der Zarin 
zu hindern, gegen die polnische Konstitution einzu- 
schreiten, deren Aufrechterhaltung man im Interesse 
der öffentlichen Ruhe liegend, den gemeinsamen In- 
teressen der europäischen Mächte überhaupt förderlich 
erachten würde. 3 ) 

Von der eigentlichen Sachlage, — der inzwischen 
erfolgten Annäherung zwischen Berlin und Peters- 
burg — hatten sie eben keine Ahnung, und auch 
darüber, dass Kaiser Leopold im Gegensatze zu 



*) Grenville an Whitworth, 25. Mai 1791, bei Herrmann, 
YI. S. 594 (Anhang). 

2) Grenville an Eden 27. März 1792. Rec. off. Prussia 
vol. 150. 

8) Grenville an Stratton 20. März 1792. Eec. off. Austria 
voL 29. 



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72 



Preussen für Polens Selbstständigkeit eintrat, waren 
sie so wenig orientirt, dass sie ein Entgegenkommen 
des Kaisers in der polnischen Sache als den Prüf- 
stein seiner aufrichtigen Gesinnungen für Preussen 
bezeichneten. 1 ) Positive Schritte ihrerseits meinten sie 
übrigens auch jetzt nicht ergreifen zu können und 
Hessen vielmehr Whitworth in Petersburg wissen, es läge 
nicht in ihrer Absicht, dass er sich dem preussischen 
Gesandten in dieser Sache irgendwie anschlie^s . 2 ) Es 
wurde diese Haltung aber nicht mit einer prinzipiellen 
Abneigung des englischen Cabinets gegen gemeinsame 
Massnahmen motivirt, sondern der Gesandte hatte zu 
sagen, dass er zuwenig von den Absichten der preussi- 
schen Regierung unterrichtet sei, um dieselben unter- 
stützen zu können, wie er es sonst seinen Neigungen 
und seiner General - Instruction entsprechend thun 
würde. 

Waren nun diese Bemühungen des englischen 
Ministeriums begreiflicher Weise ganz unwirksam, so 
war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten: der Re- 
volutionskrieg brach aus, und die Zarin Hess ihre 
Truppen in Polen einmarschiren. Jetzt begannen 
allerdings die Sympathien der englischen Nation für 
Polen sich zu regen, die wenn sie sich zur rechten 
Zeit geäussert hätten, das Pitt'sche System nie zum 
Falle gebracht haben würden. Man bezeichnete das 
Vorgehen der Zarin als grausam, veranstaltete Samm- 
lungen, und der Schrei der Entrüstung, der durch das 
Land ging, war so allgemein, dass der russische Ge- 



r ) Grenville an Eden, 20. Dezember 1791. Rec. off. Prussia 
vol. 149. 

2) Grenville an Whitworth 20. April 1792. Rec. off. Russia 
vol. 145. 



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73 



sandte meinte, wäre Polen näher gelegen, so würde 
die Nation die Regierung zwingen den Polen zu Hilfe 
zu eilen. J ) Besonders merkwürdig war der Umschwung 
in der Stimmung der englischen Oppositionspartei: 
Fox suchte den Grafen Woronzow persönlich auf und 
sagte ihm geradeheraus, dass das Verhalten Busslands 
ihn so peinlich, wie nur möglich berühre 2 ), und ein 
Anhänger der früheren Pitt'schen Politik berichtete 
aus London: „Fox und sein Anhang legen es jetzt 
als Verdienst aus, anzuerkennen, dass sie sich geirrt 
haben und manOczakow nicht hätte im Stiche lassen 
sollen, weil es dann weder im Interesse noch in der 
Macht der Zarin gelegen hätte, das zu thun, was sie 
jetzt thäte. a „Es ist ein bescheidenes Geständnis — 
fügt der Schreiber dieses Briefes, Unterstaatssekretär 
Burges hinzu — seitens derer, welche an den jetzigen 
Uebeln in Polen Schuld sind. 8 ) Aber für die eng- 
lischen Minister war selbst, wenn sie die besten Ab- 
sichten gehabt hätten, die Zeit zum Handeln vorbei. 
Sie hielten es ihrerseits jetzt vielmehr für das Rich- 
tigste sich in die veränderten Verhältnisse zu fügen, 
und anstatt ihrem Grolle in Petersburg Ausdruck zu 
geben, daselbst die Erneuerung des Handelsvertrages 
zu beantragen. 4 ) Auf ein abermaliges polnisches Hilfs- 
gesuch aber wurde folgendes Rescript erlassen, welches 
ein endgültiges Preisgeben Polens von Seiten Eng- 

*) Bericht von Woronzow 10/21. Juni 1792; Archives 
Woronzow vol. VIII, S. 241. 

2 ) Bericht von Woronzow bei Martens S. 349. 

8 ) Burges an Auckland 81. Juli 1792; Auckland Oor- 
respondence II, 424. 

<) Grenville an Whitworth 27. März 1792. Rec. off. Russia 
vol. 145. 



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74 



lands bedeutete 1 ): Die letzten Ereignisse hätten un- 
seligerweise nur zu sehr die bisher beobachtete Re- 
serve gerechtfertigt und die augenblickliche Lage 
Polens sei so beschaffen, dass wenig Hoffnung gelassen 
sei, die Ruhe in diesem unglücklichen Lande wieder- 
herzustellen, ohne dass es hernach wieder in völlige 
Abhängigkeit von Russland fiele, wofern nicht sogar 
eine neue Teilung seines Gebietes stattfände. Das 
bei dieser Gelegenheit von dem Berliner Hofe beo- 
bachtete Benehmen, scheine aus der Ueberzeugung 
von der Gefahr hervorgegangen zu sein, welche den 
preussischen Interessen aus der Einführung einer kräf- 
tigen und dauernden Regierungsform in Polen hätte 
erwachsen können. Man habe vielleicht nur zu 
viel Grund zu fürchten, dass die Alternative, welcher 
man den Vorzug gegeben habe, dem Könige von 
Preussen noch mehr Ungelegenheiten verursachen 
werde, als die, welche man verworfen hätte. Aber 
es leuchte hinlänglich ein, dass, so lange man in 
Berlin dieser Ansicht gemäss handle, keine Intervention 
der Seemächte Polen von Nutzen sein könnte, we- 
nigstens keine, die nicht mit viel grösseren Anstren- 
gungen und Ausgaben verbunden wäre , als die 
Wichtigkeit des Gegenstandes in Bezug auf ihre be- 
sonderen Interessen sie möglicherweise rechtfertigen 
könnte. Alles, was der Gesandte thun könne, be- 
schränke sich also darauf, von Seiten des Königs von 
England gegen den König von Polen und die pol- 
nische Nation eine freundschaftliche Sprache zu führen, 
aber dabei durchaus dafür Sorge zu tragen alles zu 



*) Grenville an Gardiner 4. August 1792. Rec. off. Poland 
vol. 132; auszugsweise bei Herrmann, Diplomatische Oor- 
respondenzen S. 283. 



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75 



vermeiden, was dazu beitragen könnte schlecht be- 
gründete Erwartungen von Unterstützungen seitens 
Englands zu nähren. Bedurfte es noch eines äusseren 
Beweises, dass die englische Eegierung damit ganz in 
das Fahrwasser eingelaufen war, in welchem sie sich 
zur Zeit der ersten Teilung bewegt hatte, so war 
dieser dadurch gegeben, dass zur Abfassung dieser 
Instruktion ein im Jahre 1772 von dem damaligen 
Staatssekretär Suffolk ausgestelltes Rescript heran- 
gezogen war. 1 ) Erklingt aus Grenville's Depesche 
übrigens — wie schon einmal aus der Weisung an 
"Whitworth *) — ein Vorwurf gegen Preussen, so wird 
derselbe nicht mehr falsch zu deuten sein; denn 
Preussen für Englands Haltung in der polnischen 
Frage verantwortlich machen wollen, hiesse nach dem 
von uns gegebenen Zusammenhange die ganze Ent- 
wicklung auf den Kopf stellen. 

So wäre auch der letzte Akt des polnischen Dra- 
mas den Ereignissen der ersten Teilung entsprechend 
vor sich gegangen, wenn nicht der Revolutionskrieg 
noch eine Complication herbeigeführt hätte: Mitte 
November kam die Nachricht nach London, dass die 
Franzosen, aus Angegriffenen zu Angreifern geworden, 
die beigische Grenze überschreitend bei Jemappes ge- 
siegt hätten, und Holland, dessen Sicherheit von je- 
her eines der Hauptmomente der Politik Englands 
gebildet hatte, aufs ernsteste gefährdeten. So trat 
für Pitt die Notwendigkeit ein, aus der strikten Neu- 
tralität, die er bis hierher dem französischen Kriege 



*) Es liegt den Akten ein Auszug aus der Instruktion von 
Suffölk an Harris, datirt 7. August 1772 bei. 
2) Vergl. S. 72. 



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76 



gegenüber beobachtet hatte, herauszutreten, um mit 
den Continentalmächten über eventuell gemeinsam zu 
ergreifende Massregeln zu beraten und also auch eine 
Verbindung mit den Mächten vorzubereiten, welche 
die Teilung Polens in ihr Programm aufgenommen 
hatten. Es ist nun gesagt worden, dass, als Pitt 
jetzt offiziell von den Eroberungsplänen der Alliirten 
Kunde erhielt, er in Wien seine Zustimmung zu dem 
daselbst gewünschten und mit Preussen verabredeten 
bairisch-belgischen Tausche gegeben habe, wenn 
Oesterreich unter englischer Vermittlung Frieden 
schliessen und dann seinerseits den englischen Wider- 
spruch gegen die Teilung Polens unterstützen wollte *); 
und es ist nicht zu leugnen, dass das noch eine Mög- 
lichkeit gewesen wäre die Teilung in letzter Stunde 
zu verhindern. Man hätte dann zu forschen, warum 
man auf diesem Wege zu keinem Ziele gelangt ist. 
Ein eingehendes Studium der Akten hat jene Annahme 
aber nicht bestätigt und hat vielmehr ergeben, dass 
ein Konflikt der englischen und österreichischen Inter- 
essen betreffs Belgiens das letzte Verhängnis Polens 
geworden ist. Anstatt nämlich, dass Pitt sich bereit 
erklärt hätte mit Oesterreich zusammenzuwirken, um 
Polen auf Kosten Belgiens zu retten, wie es den In- 
tentionen des Kaisers zweifellos entsprochen hätte, 
ging ihm der Wunsch Belgien als Damm gegen Prank- 
reich in weiterem Besitz einer grossen Militärmacht 
zu sehen bei weitem vor; und wenn auch das eng- 
lische Oabinet, weil viele in demselben den Krieg für 
England schon für unvermeidlich hielten, und Oester- 
reichs Mitwirkung sich zu sichern wünschten, den 



i) Sybel, II, 156. 



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Tauschplan nicht geradezu zurückgewiesen hat, so ist 
aus Grenville's Aeusserungen die im G-runde ableh- 
nende Haltung der englischen Staatsmänner doch zur 
Genüge zu erkennen. 1 ) 

Eine eingehendere Besprechung über die pol- 
nischen Angelegenheiten hat unter diesen Verhältnissen 
zwischen London und Wien aber überhaupt nicht 
stattgefunden. 

Was Pitt dann zu Gunsten Polens that, geschah 
wohl im wesentlichen nur, um, falls England trotz 
seiner Bemühungen den Krieg zu vermeiden — die 
polnische Verwicklung verstärkte seinen Wunsch den 
Frieden zu bewahren — gemeinsam mit den Teilungs- 
mächten in denselben eintreten musste, der parlamen- 
tarischen Kritik gegenüber betonen zu können, dass 
alles geschehen wäre, um die Teilung zu hindern. 
So wurde dem preussischen Gesandten Jacobi mit dem 
Bemerken, dass man das Vorgehen des Königs von 
Preussen ebenso ungerecht als unpolitisch fände zu 
erkennen gegeben, dass England unter keinen Um- 
ständen dabei sein könne, wo die Kriegskosten durch 
Gewaltthätigkeiten gegenüber neutralen und unschul- 
digen Mächten gedeckt würden 2 ), und Sir James Mur- 
ray, der zu militärischen Zwecken in das Hauptquartier 
des Königs von Preussen abgesandt wurde, hatte den 
Auftrag, das dem Könige selbst zu wiederholen. Dazu 



*) So besonders in Grenville's Schreiben an Stratton, 
5. Februar 1793. Rec. off. Austria vol. 29. Auf diese überaus 
wichtigen Verhandlungen wird übrigens in anderem Zusammen- 
hange viel ausführlicher zurückgekommen werden. 

2 ) Grenville an Eden, 12. Januar 1793. Rec. off. Prussia 
vol. 153. 



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hatte er darauf hinzuweisen, dass die englische Re- 
gierung genöthigt werden könnte, diese ihre Gesin- 
nungen öffentlich bekannt zu geben. Wie wenig die 
Engländer doch aber gewillt waren Ernst zu machen, 
ergab sich aus dem Schlusssatze von Murray's In- 
struktion, dass Ihre Majestät Polen gegenüber in 
keiner Weise gebunden sei, noch die geringste Ab- 
sicht habe mit Gewalt einzugreifen oder die Ausfüh- 
rung von Absichten zu hindern, die sie nichtsdesto- 
weniger äusserst misbillige. 1 ) Diesem Verhalten ent- 
sprechend wurde auch in Petersburg wiederum der 
polnischen Frage nicht Erwähnung gethan, und der 
dortige Gesandte that nur was in seinen Kräften 
stand, um die Ausführung der Teilung noch zu ver- 
schieben. 2 ) Was er darüberhinaus über das Verderb- 
liche der Teilungspolitik bemerkte, geschah aus eige- 
nem Antriebe, und wie er es ausdrücklich betonte, 
ohne dass er von seiner Regierung beauftragt worden 
wäre. a ) 

Alle Rücksichten aber wurden fallen gelassen, als 
Pitt aus der Stimmung, in welche die Nation nach 
der Hinrichtung Ludwigs XVI. versetzt war, ersah, 
dass der Krieg volkstümlich werden würde und die 
Opposition keinen Strich mehr durch die Rechnung 



x ) Grenville an Murray, 20. Januar 1793 ; Auckland Papers 
Br. Mus. 34, 447, Copie. Diese hier gefundene Oopie war mir 
um so willkommener, als ich Murray's Papiere im Rec. off. 
nicht ausfindig machen konnte. 

2 ) Berichte von Whitworth Januar 1793. Rec. off. Russia 
vol. 14?. 

3 ) „Whatever I have said therefore can in no wise be bind- 
ing nor be considered as the language of my Court." 



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machen könnte. Jetzt erklärte sich Pitt zu festen 
Abmachungen mit den Continentalmächten bereit und 
liess betreffs Polens bemerken, dass die polnische An- 
gelegenheit von den übrigen als getrennt betrachtet 
werden würde. 1 ) 

Und das war von englischer Seite das Todes- 
urteil für Polen. 

Das Gebiet unserer Darstellung schliesst damit 
ab. So wenig es noch eine Kritik der auswärtigen 
Politik Pitt's für das von uns behandelte Jahrzehnt 
im ganzen gestattet, so berechtigen unsere Ergebnisse 
doch nun zu einem festen Schlüsse über Pitt's pol- 
nische Politik: Man darf ohne Vorbehalt sagen, dass 
er das Seinige gethan hat, um jener Kombination der 
europäischen Mächte, die zum Untergange Polens ge- 
führt hat, vorzubeugen. Hat er hernach in die Bahnen 
von Lord North einlenken und die Teilung geschehen 
lassen müssen, so war das im Grunde nicht ihm vor- 
zuwerfen, sondern denen, welche ihn in der Durch- 
führung seines Systems gehemmt hatten. AuchChatham, 
sein grosser Vater, hätte unter den Verhältnissen, wie 
wir sie vom Juni 1791 an sich entwickeln sahen, 
kaum anders handeln können. Und somit ist Pitt 
auch nicht für das Mislingen der ersten Coalition, so- 
weit dasselbe auf die polnische Verwicklung zurück- 
zuführen ist, verantwortlich zu machen. Gerichtet 
aber ist Fox, der, indem er Pitt von seinem Wege 
abbrachte selbst den Grund zu jener unseligen Kriegs- 
führung legte, die er später nicht scharf genug ver- 
urtheilen konnte. Für seine damalige Thätigkeit darf 



*) Grenville an Eden, 5. Februar 1793; bei Lecky VI, 130. 



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— so hart es klingen mag — die Thatsache als sym- 
bolisch gelten, dass die Zarin sich seine Büste zu 
Zarskoje-Selo aufstellen Hess: 1 ) denn Cathariua hatte 
in ihm einen Staatsmann zu ehren, der ihr in jeder 
Weise in die Hände gearbeitet hat. 



l ) Hierzu die Schreiben Catharinas an Woronzow und 
Ostermann, Juni — August 1791 bei Martens, S. 352. 




J. S. PreusB, Berlin W., Leipzigerstr. 81/32. 



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